Radiobeitrag Deutschlandradio Kultur

Erschienen
12.05.2006

Sender
Deutschlandradio Kultur

Sendung
Fazit

Eine europäische Grabkammer

Bazon Brock in der kestnergesellschaft Hannover

Von Volkhard App

Zusammenfassung der Sendung:

„Anlässlich seines 70. Geburtstags hat Bazon Brock in der kestnergesellschaft Hannover eine elfteilige Ausstellungsreihe konzipiert. Der Künstler selbst bezeichnet das ausgestellte Gemenge von Kulturobjekten als „Grabkammer“, denn Europa stehe vor dem Untergang.

Der Ästhetikprofessor auf Tournee: Brocks Präsenz ist in den jeweiligen Ausstellungshallen auch dringend nötig, weil nur er rhetorisch die Zusammenhänge herstellen kann zwischen den von ihm ausgewählten Kunstwerken und Objekten, die doch auf den ersten Blick gar nicht zusammengehören: Gemälde von Gerhard Merz und Neo Rauch, eine Wand mit Arm- und Beinprothesen und ein riesiger Laufstall mit zwei Schlümpfen aus Stoff, aber auch mit Plastikgewehren. Und die Pfähle, Totems, stehen für unterschiedliche deutsche Traditionslinien – hier einer mit Pickelhaube, Nietzsche-Buch, Granate und „Meister Proper“, dort einer mit Rucksack und dem Logo der „Grünen“. Und mittendrin in dieser großen Wunderkammer Brock in unermüdlichem Vortrag.

„Mein Wohnzimmer“ nennt er das Sammelsurium, spricht aber auch von einem „Theorielabor“. Immer ist es ihm um die Schulung von Kunstbetrachtern, um die „Professionalisierung“ von Laien gegangen, auf der Documenta und in Hochschulseminaren. Diese Tournee mit den täglichen Führungen ist eine Fortsetzung und Krönung seines „Action Teaching“. Und mehr noch:

„Wenn man das biblische Alter von 70 erreicht, ist man verpflichtet, wie jeder gute Kaufmann Bilanzen zu erstellen und sich zu rechtfertigen vor den jungen Leuten. Zweitens: ganz Europa muss bilanzieren, denn die Konfuzianer, die indischen Hindi und die Moslems richten Erwartungen an uns, wir sollten uns endlich zu erkennen geben. Denn was sie bisher gesehen haben, waren arrogante, omnipotente, sich im Stillen doch für Weltherrscher haltende Idioten – weil sie keinerlei kulturelle Identität markierten, weil sie gar nicht wussten, was die Glorie Europas gewesen ist.“

Brock bezeichnet sein Gemenge von Kulturobjekten aber auch als „Grabkammer“. Diese Exponate seien „Grabbeigaben“, denn Europa werde mit seinen Werten untergehen. Das klingt ganz und gar hoffnungslos:

„Das finde ich ja sehr merkwürdig, bei Gräbern von Hoffnungslosigkeit zu sprechen. Denn es ist ja umgekehrt: alle Kulturen haben ihre Zukunftserwartung mit der Gestaltung von Gräbern verknüpft. Nein, Gräber anzulegen, ist eine entscheidende kulturelle Leistung als Ausrichtung auf die Zukunft. Das ist doch ganz klar.“

Ein Floß mit Segel, eine Rettungsbombe, Vasen und ein Riegel Toblerone als Kulturerbe. Im Blickfeld der hannoverschen Präsentation aber stehen vor allem Wohnzimmer – eines mit einem alten Fernsehgerät, an der Wand ein Kaufhausgemälde und Fotos mit Stars: mit Peter Frankenfeld und dem Geldbriefträger Sparbier.

In den sechziger Jahren zettelte Brock in Hannover künstlerische Aktionen an. Eine spektakuläre Performance wird auch jetzt stattfinden – eine Art Prozession mit einem zum Tempel umgebauten Müllauto. Brock spielt hier auf eines seiner Hauptthemen an: wie der moderne Mensch mit seinem lange strahlenden Atommüll eine neue Dimension von Zeit, ja Ewigkeit geschaffen habe.

In der kestnergesellschaft stehen außerdem zwei Modelle für noch zu schaffende Denkmäler zum Umweltschutz – Brock stellt sich vor, dass in jeder Stadt eines aufgestellt wird und dass sie radioaktive Abfälle enthalten.

Für Provokationen war dieser Meister der Selbstinszenierung immer gut: Mit Hundertwasser zog er einst an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste die „endlose Linie“. Schnee von gestern? Auch heute noch erregten Künstler und Kunstvermittler Anstoß, sagt Brock:

„Da kann man sich nicht beschweren, denn man kriegt jeden Tag einen vor den Latz. Das ist ein gnadenloses Geschäft. Mit kaltem Lächeln wird man abserviert: Wenn Sie nicht für uns sind, sind Sie gegen uns! Hauen Sie ab, Sie Schwein!“

Immerhin ist Brock in vielen Kunsthallen und Hörsälen ein gern gesehener Gast. Und hat sogar im Fernsehen auf 3sat mit der Diskussionssendung „Bilderstreit“ eine eigene Bühne:

„Das kann man wohl sagen, in Maßen. Aber als ich mal gesagt habe, die Bundesrepublik ist längst die DDR geworden – Staatsverschuldung, Herrschaft der Parteien, wir sind genauso phrasenhaft ausgehöhlt –, da haben die gesagt: jetzt müssen Sie aufhören! Und da hat der MDR gesagt: nee, der Mann bleibt da! Und wenn ich mal temperamentvoll bin, werde ich sofort isoliert. Sie kommen und sagen: so geht das nicht, bitte nicht diesen Ton! Das ist ganz eindeutig.“

Wirklich, der Mann hat Reibung. In Hannover will sich Brock bei seinen Ausführungen verstärkt mit dem künstlerischen Selbstverständnis und dem allgemeinen Bild vom Künstler auseinandersetzen:

„Alles, was sich der Bürger verkneifen musste, durfte der Künstler in vollständiger Entfesselung: drei Frauen zur gleichen Zeit, zwei Liter Rum, 30 Kannen Kaffee. Das war doch das Bild: Entfesselung! Daneben stand ein ganz anderes Bild, denken Sie an Thomas Mann – jeden Morgen um 8 Uhr an den Schreibtisch, oder Gottfried Benn. Künstler gingen pünktlich wie jeder Angestellte an die Arbeit – bis 12, machten ein Nickerchen und arbeiteten weiter. Die Frage ist: was ist produktiver?“

Brock lässt keinen Zweifel an seinem Ideal: Es ist der fleißige Künstler, der in geregeltem Tagesablauf seiner besonderen Arbeit nachgeht. Ein solches Verhalten hat der Professor von seinen Studenten immer verlangt. Und auch sich selbst Disziplin abgenötigt:

„Ich habe mein ganzes Leben nie gefehlt, auch 68 nicht. Und als ich am Rücken operiert wurde, habe ich vom OP-Tisch per Telefonleitung meine Vorlesung gehalten. Wer dieses Bewusstsein nicht hat, braucht nicht an die Hochschule zu gehen, sondern kann sich in der Heide amüsieren.“

Konzentration und Ausdauer müssen auch seine Besucher zeigen, wird neben einer einstündigen Führung doch auch ein „Lustmarsch“ über vier Stunden angeboten. Zwar taucht nach dem Rundgang mit den vielen Assoziationen die ordnungsheischende Frage „Worum geht es hier eigentlich?“ erneut auf, aber doch auf einem anderen Niveau als beim Betreten der Räume. Es hat sich etwas in den Köpfen gerührt. Einen „hauptamtlichen Beweger“ hat sich der Vortragskünstler mal genannt. Das ist kaum übertrieben.“

Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/eine-europaeische-grabkammer.1013.de.html?dram:article_id=166030

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