Reformationsjubiläum 2017

Rückblicke

Reformationsjubiläum 2017. Rückblicke | Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2018.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Inkl. DVD mit Filmmaterial / herausgegeben von der Staatlichen Geschäftsstelle "Luther 2017" und der Geschäftsstelle der EKD "Luther 2017 - 500 Jahre Reformation"

Seite im Original: 210

„Luther und die Avantgarde“

Die Besucherschule

Meine Erwartung war euphorisch, denn die Konfrontation der Kunstpraktiken mit denen der pastoralen Seelsorge und ihrer theologischen Begleitung würde, so hatte ich gehofft, ein weiteres Kapitel der höchst aktuellen »Kunstreligion« dem »Kapitalismus als Religion« auch der Künstler entgegenstellen. Und in der Tat kamen Männer und Frauen mit großem Zutrauen zur Vernunft als Freiheit in der Willkür und als Befreiung aus der Fesselung an leere Rituale. Das Gefängnis als Ereignisort der Geschichte, vor allem der Heilsgeschichte, bot die Chance zur Vermittlung zwischen Freiheit als Sicherheit in festen Ordnungen und Befreiung aus der Willkür der Dogmen. (Alles ist kontingent, irgendwie durch Menschen etabliert, und Menschen können es doch nicht ändern.) Und in der Tat, es kam Friedrich Schorlemmer, dem die historische Geltung seiner Geburtsstadt zur Lebensmission geworden ist, und ihm schien mein Angebot etwas zu bedeuten; es kamen die Hörer der Evangelischen Akademie; es kamen Lutherjahr-Touristen, die meisten aus Berlin; und es kamen Aktive der Wittenberger Stadtkirche und ihrer Gemeinde.

Groß wuchs sich in mir schließlich die Enttäuschung aus, als gerade diese Kirchlinge die Präsentation der Werke als Lustparcours genießen wollten, so, wie etwa Volkshochschüler das Angebot von Kreativitätstraining zur Begründung »Auch ich ein Künstler« wie jedermann, der ein bisschen aquarelliert, scribbelt oder dichtelt, nutzen. Alles nur Selbstbemächtigung im fatalen Missverständnis von Kreativität, weil ihnen so gut wie alle Begriffe fehlen, die die Theologen des vierten Jahrhunderts und die Humanisten seit dem 14. Jahrhundert zur Erkenntnis und Bewertung des Anspruchs auf Schöpfung entwickelt haben. Für mich war die Wittenberger Erfahrung geradezu erschütternd, weil von dem heute aktiven Kirchenpersonal kaum noch erwartet werden kann, den Verschleiß, die Entwürdigung, ja die Enteignung aller unserer Begriffe durch Werbung und Politpropaganda mit neuer theologischer Begriffsschöpfung zu kompensieren. Seit Glück, Lebensfreude, Liebe, Erfüllung, Glaubenskraft, Vertrauen et cetera in der Produktpromotion bedenkenlos akzeptiert, ja sogar erwartet werden und auch die Künstler sich solchen Marktmachenschaften unterwerfen sollen, blieb die Theologie als letzte Hoffnung einer Gegenkraft.

Die Monate in Wittenberg ernüchterten mich gründlich durch die Erfahrung, dass selbst Kirchen sich heute der Marktkommunikation glauben anschließen zu müssen, anstatt eine andere Erwartung an Welt und Leben zu postulieren und zu vertreten. Die Kirchlinge als bloße Funktionäre der Institution Kirche wollen ihre Weltoffenheit beweisen, indem sie durch Einpassung in das Weltmarktgeschehen die Theologie und die Fähigkeit zur Seelenleitung aufgeben. Persönlich von diesem Desaster betroffen, muss ich mir eingestehen, dass selbst die kleinsten Versuche, künstlerische Souveränität zu gewinnen und sich als Künstlerjenseits des Marktes zu behaupten, mir förderlicher sind als die sehnsüchtige Hoffnung auf Anerkennung/Unterwerfung unter das Gebot der Liebe.

Die Behauptung der Trennung von Kirche und Staat als Gründungslegende der Aufklärung muss endlich korrigiert werden. Heute garantiert nur noch der Staat die behauptete Souveränität der Kirchen. Die Kirchenbänke sind leer, weil sich die Programme der Weltbesserung durch Geltung der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen und das Laienpriestertum jeden Individuums in der Gesellschaftsordnung von Demokratie, Rechts- und Sozialstaat verwirklicht zu haben scheinen. Die Kirche ist nur noch eine soziale Institution, die genauso recht und schlecht funktioniert wie Verwaltungsämter, Vereine, Justiz oder Schulen und Universitäten. Es wäre an der Zeit, vonseiten der christlichen Kirchen klar zu erkennen zu geben, dass sie sich so das soziale Wirksamwerden der Offenbarung nicht vorgestellt haben. Die innerweltliche Transzendenz durch die neurophysiologisch erzwungene Differenz in der Wahrnehmung von Wesen und Erscheinung, von Zeichen und Bezeichnetem, von Wort und Begriff ist eine viel größere Herausforderung als die einstmals behauptete Metaphysik der Transzendierung ins Jenseits der Welt. Seit jeder nachspricht: »Gott ist tot«, beziehen sich selbst Atheisten und andere Begriffsfetischisten auf Gott. Selbst sie müssen Gott als eine Denknotwendigkeit anerkennen, wenn sie denn Logik und den uns alle beherrschenden Algorithmus der Grammatik anerkennen, um ihr Urteil, dass es keinen Gott gebe, zu begründen.

Wo Nächstenliebe als Fernstenliebe praktiziert werden soll, wo eine pathetisch vorgetragene Weltmission gerade die Gesetze der Welt glaubt missachten zu dürfen und Gott als Duzkumpel frömmlerischer Geschäftshuberei angesprochen wird, ist Theologie ein Instrument der Selbstrechtfertigung.

»Gott ist einer, der mir dient ... Er ist nicht der große Zampano, der mir sagt, was ich tun soll. Vor ihm kann ich aufrecht stehen bleiben. Menschen, die über mich bestimmen wollen, gibt es genug, Leute, die mich auf einen Sockel stellen und von mir das Heil der Welt erwarten. Menschen, die mich vom Sockel stoßen, wenn ich etwas anders mache als gewünscht ... Sie sehen nicht mich, sondern das, was sie haben wollen ...« Solche anmaßlichen Sätze, die man zum Beispiel in dem Wittenberger Blog »Himmelsluke« zuhauf findet, beweisen immer nur eins: dass die Verfasser fundamentale Schlussfolgerungen der Argumentationslogik nicht kennen. Denn wenn sie die Menschen verwerfen, die sie nicht anerkennen, wie sie sind, sondern von ihnen etwas darüber Hinausgehendes erwarten, dann anerkennen sie eben die Eigentümlichkeit der anderen nicht. Damit haben sie ihre eigene Argumentation verworfen. Sie postulieren für sich Anerkennung, wie sie nun einmal sind, schließen aber die Anerkennung der anderen in ihrer Wesenhaftigkeit aus. Wer auf diese Weise urteilt, aber sich dem Urteil, das er über andere spricht, selbst nicht unterwirft, missbraucht die Autorität der Institution Kirche zur egomanen, ja autistischen Selbsterhöhung. Und ruiniert mutwillig oder aus Unvermögen die Geltung der Hieroi Logoi, die Heiligkeit dessen, was geschrieben steht und als Geschriebenes »steht«, also im Augenblick der Wahrnehmung eine Ewigkeitserfahrung ermöglicht.

Sollte doch nur die Kunst als letztes Erfahrungsgelände der Metaphysik gelten dürfen?