Kunstforum International

Bd. 253, Vom Sinn der Kunst

Kunstforum International | Bd. 253, 2018
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

WOZU KUNST? WAS KANN KUNST? WIE DENKT KUNST?

Wenn die Frage nach dem Sinn der Kunst gestellt wird, so ist das entweder ein Zeichen für ein gestörtes Verhältnis zu ihr oder es geht, im Gegensatz dazu, um ein hoffnungsreiches Momentum, das die lebendige Sinnlichkeit und zeitgemäße Sinnperspektive von Kunst erforschen will. Zweites trifft genau Absicht und Zweck der in diesem Themenband versammelten Essays, Gespräche und Statements. Prominente Autoren, Philosophen, Künstler und Kunstvermittler widmen sich multiperspektivisch den folgenden Schlüsselfragen: Wozu dient Kunst? Was kann Kunst bewirken? Und wie denkt die Kunst? Die daraus resultierende Vielfalt und Vielzahl an inspirierenden Thesen, Strategien und Antworten folgt einer gemeinsamen Erkenntnis: Kunst regt nicht nur zu einer tieferen Befragung des eigenen Ich an. Sie in unseren Sinneskosmos einfließen zu lassen, führt zu einer offeneren Weltsicht, die eines ermöglicht: Mehrdeutigkeit statt Eindeutigkeit, Dissens statt Konsens, Visionen von Wahrheit statt einer einzigen Wahrheit.

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Seite im Original: 106

„Glauben ist Wissen und Wissen ist Glauben“

Über Gehschrift, Biografiepflicht, Denkdienst und Seefahrt

Ein Gespräch mit Paolo Bianchi

Die Füllfederhalter stecken wie minimalistische Flugkörper in der Brusttasche des Sakkos. Dort, wo üblicherweise die Orden eines verdienten Militärs angebracht werden, sind hier die Arbeitswerkzeuge eines Generalisten und Synkretisten sichtbar. Für den aufmerksamen Beobachter dieses wirkungsreich inszenierten Details ist die Botschaft unmissverständlich: in aller Schärfe denkt und schreibt hier jemand mit dem Herzen, fühlt und spürt mit dem Geist.

SUMMA VITAE BAZONIS

Wenn Bazon Brock als „Skeptiker und Aktivist in Personalunion“ bezeichnet wird, dann hat Wolfgang Ullrich 2016 in seiner Laudatio zur Verleihung des Von-der-Heydt-Kulturpreises der Stadt Wuppertal an Bazon Brock damit dessen Arbeits- und Lebenspraxis treffend auf den Punkt gebracht: „Die typischen Eigenschaften von Skeptikern – von der Apathie bis zur Zurückgezogenheit, von der Müdigkeit bis zum Zaudern – sind bei Bazon Brock aber ganz und gar nicht anzutreffen. Ja: Ganz und gar nicht! Im Gegenteil. Ich kenne niemanden sonst, der durchgängig mit so viel Kraft und Überzeugungskraft spricht, der jeden seiner Sätze mit kompromissloser Bestimmtheit und voller Leidenschaft formuliert, der nie nachlässt, keiner Konfrontation aus dem Weg geht, aber zugleich keinen Umweg oder auch Gewaltmarsch scheut vielleicht noch ein paar mehr Menschen mit seinen Worten zu erreichen. Statt in einem Turm [wie Michel Montaigne] oder einem Keller [wie Odo Marquard] im Verborgenen zu leben, hat er seine Denkerei an einem zentralen Platz der Hauptstadt eröffnet, und wenn er gerade nicht dort debattiert, ist er irgendwo im Land oder Ausland unterwegs, um wen auch immer zu belehren und zu ermahnen. Bazon Brock ist der Unermüdliche schlechthin, der in jedem Moment Aktive.“

So ist es auch heute, am 16.05.2017 in Zürich, wo Brock am Abend im Cabaret Voltaire sein neues Buch vorstellen wird. Es handelt sich um „Theoreme", herausgegeben von Marina Sawall. Sawall und Brock beschützen in der Berliner Denkerei, wie einst Minerva und Saturn, Kunst und Wissenschaft vor Neid und Lüge – ein gelungenes Bild für die Beschreibung ihrer Zusammenarbeit. (Abb. 02) Das Buch ist eine Augenweide, eine retrovisionäre Schau, ein Mutmacher für alternierende Denkimpulse. Das Lesen und Blättern befördert einen Prozess des fortwährenden Staunens. Das Buch hat ein Gewicht von über fünf Kilo und reicht in seiner Größe an ein A3-Format heran. Es „kommt ganz ohne Inhaltsverzeichnis aus, wobei ein umfassendes Register die schnelle Auffindbarkeit des Gesuchten erleichtert“, schreibt Sawall.

Sie hat Brock nach Zürich zur Buchpräsentation begleitet. An dessen Beginn ein belangloser Tumult entsteht. Ein unbekanntes Künstlerpaar, Mann und Frau, wohl um die Mitte Vierzig, beginnen in der Geburtsstätte von Dada im Zürcher Niederdorf zu Stammeln, zu Grunzen, sich rüpelhaft und vulgär aufzuführen. Ein spätpubertäres Gebaren ohne jeglichen Witz und Charme. Es gelingt dem Publikum, die Störenfriede zu verjagen, damit Bazon Brock als eigentlicher Unruhestifter die Bühne mit seinem Quer-Denk-Buch betreten kann. Dies trägt den selbstironischen Untertitel: „Er lebte, liebte, lehrte und starb. Was hat er sich dabei gedacht?“ Es handelt sich um die beispielhafte Summa vitae bazonis.

Brock spricht über die im Lauf von mehr als fünf Jahrzehnten entstanden Theoreme, die etwa lauten: „Widerstand durch Ja-Sagen“ oder „Evidenzkritik durch Evidenzerzeugung“ oder „Zukunftsfähigkeit durch apokalyptisches Denken“. Seine Rede führt zu weiteren Lebensmaximen und Kulturtechniken, die durch ihre Paradoxheit Fragen provozieren wie: Durch Pflichterfüllung soll man zur Lust finden? Durch Unterlassung soll Zivilisierung möglich sein? Allein durch Autorschaft soll sich Autorität stiften lassen? Durch Konsum soll die Welt zu erlösen sein?

GRUNDPFEILER EINES LEBENSKUNSTWERKS

Das Treffen zum Gespräch mit Brock und Sawall findet am Vormittag des 16. Mai 2017 im Hotel Marktgasse statt. Wir wählen die Bibliothek im Haus als Ort für den gemeinsamen Austausch. Die Bibliotheksordnung im Raum vermittelt „zwischen dem Persönlichkeitsausdruck der Besitzer und deren Verpflichtung auf die Welt des Kollektivgeistes; wie es passend dazu im „Theoreme“-Buch heißt. Ziel ist, Bazon Brock nach den besonders sinnstiftenden Grundmustern der Orientierung im (Arbeits-)Alltag zu befragen, die sein Denken, Handeln und Fühlen bis heute maßgeblich bestimmen: I. Gehschrift, II. Biografiepflicht, III. Denkdienst und IV. Seefahrt. Allesamt lebenspraktische Fähigkeiten für diejenigen, die alles anders machen wollen als andere.

Das rund zweistündige Gespräch, von dem hier nun ein Kondensat mit 16 Prinzipien vorliegt, verläuft in einer zwar ausgelassenen, aber dennoch konzentrativen Stimmung, in der viel an Lebenskraft und Kommunikationsfreude spürbar wird. Im Kunstforum-Gespräch zum 70. Geburtstag von Bazon Brock wurde er unter de Titel „Beispielgeber im Beispiellosen“ als Künstler, Kritiker und Kurator befragt (Band 181/2006). Brock, der sich selbst einen Beweger nennt, ist inzwischen über 80 Jahre alt. Dadurch verschiebt sich der Fokus der Unterhaltung von einer Arbeitspraxis als Kunst-Vermittler auf die Grundpfeiler (s)eines Lebenskunstwerks. Im Lebenskunstwerk geht es darum, die Möglichkeiten des Lebens zu vervielfältigen. Zu realisieren, dass Kunst mit Kreativität, Erneuerung, Expressivität und Schöpferischem zu tun hat. Dass Kunst Menschen wie kaum eine andere Lebenspraxis mit hoher Intensität zu bilden imstande ist. Brock singt als Pädagoge der Sinnlichkeit mit seinen Theoremen und Prinzipien das Wiegelied zu dieser Glücksfindung.

An einer Stelle im Gespräch fällt der Satz: „Die Welt ist das Gegebene, das sich als solches zwar erfahren lässt, aber dessen Zusammenhänge wohl nie vollständig erfasst und verstanden werden können.“ Und weiter: „Man kann die Welt nicht erst in Angriff nehmen, wenn man sie verstanden hat, sondern die Voraussetzung ist die Kommunikation. Der Mensch muss sich auf die Welt einlassen. Und das, ohne sie zu verstehen.“ Damit umschreibt Brock nicht nur auf stimmige Art den genuinen Sinn seiner Arbeit und seines Wirkens. Dieses Glaubensbekenntnis gilt – an uns als Lesende adressiert – ebenso für den Sinn des Lebens wie auch für den Sinn der Kunst.

I. Gehschrift

1) PRINZIP LANDSCHAFTSBILD:
„GEHE NIE HIN UND ZURÜCK AUF DEM GLEICHEN WEGE“ (GOETHE)

Paolo Bianchi: In deinem „Theoreme“-Buch erwähnst du eine frühe Kindheitserinnerung. Du sprichst vom „ersten Gefühl der Befriedigung“ beim Wiederankommen am Ausgangspunkt, weil du bei einer Sommerwanderung in Pommern den Weg Richtung Unterholz wählst und trotzdem zurückfindest. Wenn die Geometrie uns als Lebenskunde wie auch als Erziehungsprogramm lehrt, die kürzeste Verbindung zwischen Punkten zu wählen, zielorientiert zu denken und zu handeln, so macht es den Eindruck, dass dich weniger die Gerade, sondern mehr die Abweichungen und Umwege interessieren. Wie ist es dazu gekommen? Was waren deine Inspirationsquellen?

Bazon Brock: Wahrscheinlich die pubertäre Erstorientierung auf Friedrich Nietzsches Satz: „Traue keinem Gedanken, der nicht im Gehen entsteht“. Dann, philosophisch, der Hinweis darauf, dass die Philosophenschule von Aristoteles durch das Motiv des Gehens, die Peripatetik, bestimmt war. Das heißt, er und seine Schüler gingen während des Unterrichts herum, so dass sie die Bewegung an den Wänden, an den Büschen, Bäumen, am Lorbeer oder was immer da wuchs, „anbinden“ konnten. Und wenn sie danach denselben Weg abliefen, fiel ihnen alles wieder ein. Das war ein frühes Memorial-Theater. Diese Idee von Aristoteles war der Begründungskern der Schule.

Natürlich war für uns alle Goethes Anweisung wichtig: „Gehe nie hin und zurück auf dem gleichen Wege.“ Das heißt, es ging darum zu lernen, eine innere Landschaft der Umgebung zu entwickeln, in der man lebt. Ein inneres Bild davon zu haben. Heute würde man von einem Mapping sprechen. Man musste ein Landschaftsbild, respektive ein Stadtbild entwickeln, es in sich tragen und sich dann in diesem Bild bewegen.

Das sind schöne Beispiele zur Wechselwirkung von Denken und Gehen. Hat auch dein Aufwachsen in Pommern damit zu tun?

Ja, es hieß die „Pommersche Schweiz“: Die Topografie markierte ein leichtes geschwungenes Vorgebirge, sehr viele agrarisch bereitete Flächen, malerisch ausgezeichnet mit Rapsgelb, Wiesengrün, mit Anbauflächen für Wruken, Zuckerrüben und Kartoffeln. Dadurch war ja schon ein Bild, ein visueller Eindruck von einem Land möglich. Später kamen Landkarten hinzu, in denen nicht nur die optisch-visuelle Orientierung, sondern auch die Höhendifferenzen reliefartig aufgebracht waren. Das gelang allerdings erst im Zeitalter des Plastiks. Damals war es, glaube ich, das Material Bakelit. Jedenfalls gab es so etwas, meiner Kenntnis nach, aber schon Anfang des 20. Jahrhunderts – wie Leseangebote im Sinne der Erfahrung einer Topografie für Blinde. Das war der Moment, wo es auf einem Handführungstableau, einem Blinden möglich wurde, durch das Ertasten nicht nur Wortfindungen zu rekonstruieren, also zu lesen, sondern eben auch plastische und visuelle Eindrücke nachzuvollziehen.

Bei dir kommt das schließlich alles so zusammen, dass du hierfür den Begriff Gehschrift geprägt hast?

Ja, das Entscheidende für mich war, das zur Gehschrift zu synthetisieren. Das bedeutet, nicht nur einen Gedanken, der beim Gehen entsteht, und nicht bloß Figuren zu laufen – topografische Orientierung, das Mapping einer Umgebung im Kopf, blind gehen und so fort –, sondern das hieß tatsächlich, so zu gehen, wie man schreibt. Wenn man zum Beispiel im Nachvollzug der Aufklärungskampagnen von Lichtenberg und anderen im Wald spazierte, dann musste man einmal die Gehschrift „Empfindsamkeit“ nachlaufen: E, m, p, f, i, Empfindsamkeit laufen. Das schrieb man sozusagen der Gehschrift ein. Wenn ich dann – zwischen Vilkow und Kamelow, wo die Bedingungen am besten waren – hinreichend lange herumlief, dann blieben ja Spuren im Sand zurück und die konnte man lesen. Allerdings nicht nur der, der das gegangen war, sondern von einem höheren Punkt aus – sagen wir mal von einem Helikopter – konnte man das in der Vorstellung wie die Götter lesen und den gegangenen Text so nachvollziehen.

2) PRINZIP DREI-BESUCHER-HALTUNGEN:
SPAZIERGÄNGER, TEMPELGÄNGER UND PARADEGÄNGER

Die Gehschrift als Lese- und Lebenshilfe hast du danach übertragen auf die Documenta in Kassel mit den unterschiedlichen Haltungen in Bezug auf die Besucherschule. Dort gab es die Haltung des Spaziergängers, des Tempelgängers oder des Paradegängers. Wie ist es zu dieser Ausdifferenzierung gekommen?

Es gab folgende Anweisungen innerhalb der Besucherschule: a) Überlegen Sie sich bitte, wie Sie hier auftreten. Treten Sie hier als von einem Unterhaltungsunternehmen eingeschleuster Tourist auf, der im gleichgültigen Schlendergang ein All-Inclusive-Angebot realisiert? Der die Erwartung hat: da ist Tomatensaft drin, da ein Documenta-Besuch, ein Bordellbesuch, ein Hotelaufenthalt – alles inklusive.
b) Oder kommen Sie hierher, um sich Ihren lange gehegten Wunsch zu erfüllen, endlich etwas Anbetungswürdiges zu finden – als ob Sie einen Tempel betreten, der aber von den Göttern entleert ist und Sie überlegen müssen: was kommt jetzt dort hinein? Das Museum ist der einzige Tempel, den es gibt, also kommen Sie zum Beten hierher und beten vor dem Schwarzen Quadrat. Warum beten Sie es überhaupt an? Weil es 70, 80 Millionen Euro kostet oder jetzt inzwischen vielleicht schon 700 Millionen Euro? Womit ist das eigentlich zu begründen?
c) Oder sind Sie sozusagen ein Profi, der reinkommt, sich in einem Schnelldurchlauf umsieht und sagt: Aha, das kenn ich, das mache ich so, das ist die Verbindung zu xy, das habe ich eingeordnet. Ich habe ein Tagespflichtpensum absolviert, wie das Durcharbeiten eines Papiers oder wie ein Berufsschema („Heute Morgen müssen die und die Verwaltungsakten durchgesehen werden“).

Diese Zusammenfassung war die Differenzierung zwischen der Haltung eines schlendernden Spaziergängers, eines Tempelgängers oder eben eines Paradegängers. Der Kenner ist ja gar nicht gewillt wahrzunehmen, was er sieht, sondern er bestätigt seine Wahrnehmung in der Art, wie er auswählt. Rudolf Zwirner ging als Galerist seiner Zeit ganz anders durch als etwa die Junggaleristen, die mit gerade mal 20 Jahren am Anfang ihrer Berufslaufbahn standen. Die Museumsdirektoren wiederum hatten einen völlig anderen Blick auf die Dinge. Alle gingen sie unter anderen Gesichtspunkten in die Ausstellungen. Da ist es müßig den Leuten einzureden, sie hätten nun alle die Documenta besucht. Vielmehr müssen sie eine eigene Haltung wählen, damit sie überhaupt in spezifischer Hinsicht etwas wahrnehmen können und nicht nur allgemein. Das Allgemeine kann man nicht wahrnehmen. Das war eben gerade die Unterscheidung zwischen den Haltungen Spaziergänger, Tempelgänger, Paradegänger.

Welche ist dir die liebste von den drei Haltungen?

Es ist in einer gewissen Hinsicht natürlich immer der Spaziergang. Spazierengehen befindet sich außerhalb des Geheges der beruflichen Vorschreibungen, der Verordnungsvorschriften, der Anleitungen von Seiten der Promotionskommission oder des Gerichts. Spazierengehen außerhalb des Geheges heißt: ein Genießen der Freiheit. Beim Spaziergang gibt es keinen Zeitdruck und eine Handlung ohne Gehetztsein steht für einen Ausdruck von Freiheit.

3) PRINZIP BEGINNEN:
VOM ENDE AUS DENKEN

Mit dem Gehen, Spazieren und Wandern geht der vielzitierte, aber längst überstrapazierte Ausspruch „Der Weg ist das Ziel“ einher. Wie verhält es sich damit?

Im Sakralen ist das die Pilgerschaft gewesen. Ein Mann hat sich eines Tages dazu entschlossen, von Nürtingen nach Santiago de Compostela zu wandern. Dieser Fußmarsch dauerte insgesamt vier Monate. Diese Zeit über war er hoch konzentriert, diese vier Monate lang musste er sich zusammennehmen, musste sich richtig ernähren und viele Dinge seines Alltags gut bewältigen. Das war im Grunde schon das Ziel der Pilgerschaft. Als er schließlich Santiago de Compostela erreichte, war er durch das Exerzitium eigentlich schon vorher am Ziel gewesen. Denn Pilgern heißt ja nichts anderes, als ein Exerzitium zu praktizieren.

Das wurde ins Profane übertragen und hieß dann eben: Vermittlung des Tuns auf ein Ziel hin. Das alte Motiv heißt nun: Wenn ich mich auf ein Ziel hin bewege – zum Beispiel wenn ich einen Tisch machen will, bedeutet das, dass ich mit dem Ziel beginne. Die Leute wandern ja nicht nach Santiago de Compostela, weil es ein Ort ist, den sie noch nicht kennen, sondern sie wandern dorthin, gerade weil sie ihn kennen. Das heißt, sie beginnen bereits mit der Kenntnis dessen, was Santiago als Pilgerziel, als heiliger Ort bedeutet. Und so beginnt der Tischler mit dem Tisch, den er machen will. Das heißt, er beginnt mit dem Ende.

Das ist ungeheuer wichtig, weil man immer vermutet hat, dass die griechische Ausdrucksweise für Apokalypse bedeuten würde: Das Ende ist der Zusammenbruch, das Ende ist der Zerfall der Welt, das Verschwinden von Allem, die Nichtigkeit von Allein. Unter diesem apokalyptischen Gesichtspunkt würde ja kein Mensch überhaupt mit irgendetwas beginnen. Das ist Unsinn, so kann es nicht gemeint gewesen sein. Apokalypse heißt im Griechischen eigentlich „Vorschein des Endes“. Es geht darum, dass man nur beginnen kann, wenn man vom Ende ausgeht. Jedes Beginnen hat seinen Anfang am Ende. Dieses Zu-Ende-gehen ist eben kein Ende, sondern dieses Ende ist eine Kraft des Beginnens.

4) PRINZIP DISCOURS-&-PARCOURS:
DIE ARGUMENTE GERATEN IN BEWEGUNG

Die säkulare Kultur des Gehens entwickelt sich als Alternative zu Formen der mechanisierten Fortbewegung (Eisenbahn, Automobil, Fahrrad) und knüpft zugleich an jene alte Tradition an, die zwischen Gehen, Denken und Schreiben Korrespondenzen entdeckt. Du gebrauchst den Terminus „Lustmarsch“, schreibst vom „Spazierensitzen im Theoriegelände“, thematisierst „die Parallelisierung von Discours und Parcours“. Lucius Burckhardt begründete den Forschungsansatz der „Promenadologie“ (Spaziergangwissenschaft), der das konstruktive Moment der Wahrnehmung von Landschaft und Umwelt betont. Kannst du auf dieses Motiv des In-Bewegung-seins eingehen?

Das Entscheidende war zu entdecken, welche Sichtweisen im Spaziergang, diesem Gefühl der Freiheit, der Nicht-Bedingtheit, der Entscheidungs- und Bedingungslosigkeit entstehen.

Das hat Lucius Burckhardt zur Promenadologie zusammengefasst und es verbunden mit berühmten kulturhistorischen Erfindungen wie den Englischen Parks. Das Spazieren durch Parks, auf den Promenaden in den Kurorten oder in den Kurbädern wie zum Beispiel in Marienbad war en vogue.

Der Grund war, dass man das Wasser aus der Quelle, das man in einer Tasse aufgefangen hatte, Schluck für Schluck während des Spazierganges trinken sollte. Die Vorgabe war, einen spezifischen Rhythmus von Gehen und Trinken zu entwickeln: ein paar Schritte gehen und dann einen Schluck des Wassers nehmen. Das immer zu wiederholen bedeutete eine richtige Abfolge, einen gesunden Rhythmus zu praktizieren. Das Heilwasser der Quellen sollte kontemplativ, in kleinen Portionen getrunken werden.

Das hieß Promenade. Und Lucius Burckhardt hat dann aus dem Benjamin’schen Erklärungskontext heraus den Gesichtspunkt der Herumstrolcherei oder der Promenadengängerei entwickelt. Das war insofern sehr wichtig, als sich aus dieser Art der Vermittlung von Denken und Bewegung der Begriff des Discours generiert hat. Discours ist eine Denkoperation in dem ständigen Hin und Her von Vorgaben und Repliken, von Fragen und Antworten. In der Analogie von Discours und Parcours gipfelt dann diese ganze Bewegung und die wurde von uns im „Lustmarsch durchs Theoriegelände“ präsentiert. Heute würde man nicht sagen: wir gehen auf die Promenade, lass uns herumstrolchen, wir gehen spazieren, sondern: wir führen einen Diskurs.

Eigentlich ist es nichts anderes als das Motiv des In-Bewegung-seins. Und zwar Bewegung in dem Sinne, dass das Motiv, die Aussagen, die Argumente sich bewegen. Wenn ich eine Frage stelle, bewegt es den Anderen zu einer Antwort. Das ist ein Bewegungsmotiv. Analog zu dem, was sich als Bewegung in der Landschaft ereignet. So wie man eben Schritt für Schritt von einem Ort zum nächsten geht, obwohl dieser als Ziel noch gar nicht festgelegt ist. Man kommt dort an, wohin man gar nicht gehen wollte. Weil man dort ankommt, wohin man gar nicht gehen wollen konnte, weil man es gar nicht wusste, deswegen ist es so produktiv. Genauso verhält es sich mit den Denkvorgängen. Deswegen lief die ganze Entwicklung der Gehschrift auf die Einheit von Discours als Parcours hinaus.

II. Biografiepflicht

5) BIOGRAFIE-ERFÜLLUNG:
EIN SELFIE IST KEIN LEBENSENTWURF

Unter dem Motto „Jeder Mensch ist ein Denkmal“ forderst du seit 1968 eine Biografiepflicht und damit verbunden die Pflege von „Lebensspuren“. Inwiefern ist und war das Jahr 1968 wichtig, um eine solche Aufforderung auszusprechen? Heute ist das „kuratierte Ich“ im Internet und in sozialen Medien allgegenwärtig dem Bildschirm erscheint die Biografie vorwiegend als schönpolierte Vase in Gestalt von täglichen Selfies, eventuell verbirgt sich dahinter jedoch ein Scherbenhaufen gescheiterter Lebensentwürfe und zerbrochener Ideale. Wie verhält es sich mit der Pflege von „Lebensspuren“ heute?

Nein, das vollzog sich viel früher. Um 1900, kann man sagen, entstand für Leute, die sich als Mitarbeiter in einer Firma bewerben wollen, die Verpflichtung – das hat dann auch, ich glaube im Jahre 1902, eine rechtliche Basis bekommen – einen handgeschriebenen Lebenslauf einzureichen. Das heißt, jeder war, wenn er in einer Firma mitarbeiten wollte, darauf verpflichtet, eine Biografie zu haben. Da aber die Anfänger in einer Firma mit ihren 18, 20 Jahren gar keine Biografie haben konnten, hieß biografiepflichtig zu sein, sich auf einen Biografie-Entwurf zu verpflichten: erst werde ich Lehrling sein, dann Geselle, ich werde meinen Meister machen, ich werde in der Firma dieses oder jenes in Angriff nehmen. Mit anderen Worten: Biografiepflicht ist die Verpflichtung auf einen zukünftigen Lebensentwurf, nicht auf das, was gewesen ist.

Verstehe ich das richtig, ein Verständnis der Biografie als die bloße Reproduktion dessen, was war, ist völlig unerheblich?

Ja. Dieses Verständnis war wesentlich für Feldherren, deren Leben jederzeit ein Ende finden konnte. Aber die Biografiepflicht galt für die Menschen, für die es wichtig war, leben zu können. Es ging nicht darum gelebt zu haben, sondern um zu leben, war es wichtig, dass die Biografie immer das zukünftige Leben darstellte und nicht dasjenige, das hinter einem lag. Wer wirklich eine kohärente Biografie haben will, muss sie als den Entwurf seines Lebens sehen und nicht als ein Protokoll über das bislang gelebte Leben. Dann ist sowieso alles zu spät. Man muss selbst aktiv seine Biografie bewirtschaften.

Ausgehend von der Aktion „Denk-mal-nach-Denkmal“ (Kassel 1975) bedeutet „Jedermann ist ein Denkmal“ dann: Sie müssen sich selbst so wichtig nehmen, wie Sie einen Kaiser, einen Goethe, einen Napoleon, einen Luther ernst genommen haben. Nehmen Sie sich wichtig, damit Sie wissen, es kommt schon darauf an, dass Sie jetzt nicht nur als Historiograf Ihrer selbst auftreten – dazu sind Sie zu unbedeutend –, sondern Sie selbst müssen dafür sorgen, dass Sie an sich nacharbeiten können. Das heißt, Sie sind im Vorlauf des Lebens, des Lebensentwurfes, der Biograf und Historiograf zugleich. Sie realisieren Ihre Geschichte, indem Sie sie für sich projektieren. „Ich will Lehrling sein, ich will Geselle sein, ich will dies oder das erreichen, ich will ein eigenes Geschäft gründen.“ Das ist ab 1900 die ganze Dynamik. In den USA war das geradezu verpflichtend. Hier gab es gar keine Historizität. Ein Mensch, der in die USA kam, war ohne persönliche Geschichte und wenn er eine hatte, war das unbedeutend. Ob er Doktor war oder adelig, spielte dabei keine Rolle. Es war nur wesentlich, was er sich von diesem Moment an vornahm. Als Entwurf in die Zukunft, als Gründerfigur für Unternehmen und Technik oder was auch immer.

Wenn du jetzt sagst, heute will jeder der Anweisung folgen, „nehmen Sie sich so ernst, dass Sie sich tagtäglich fotografieren“, dann haben wir damals den Leuten gesagt, „reden Sie in Zügen so laut, dass ihre Privatkorrespondenz eine öffentliche Angelegenheit wird“. Das bedeutet: sprechen Sie von einem Entwurf. Ein Selfie ist eben gerade kein Entwurf.

Es ist die Reduktion auf einen Zustand ohne jeden Kommentar oder jede Aussicht oder Intention. Ein so genanntes Selfie ist meist gekoppelt an ein Ereignis, eine historische Stätte oder ähnliches. Darauf ist dann zu sehen, wie der sich selbst Fotografierende vor einem Schloss oder vor einem Kunstwerk steht. Das ist alles völliger Unsinn. Das ist das Gegenteil von Biografie-Erfüllung. Das ist das Auslöschen des Biografischen. Unter diesen Bedingungen sind alle völlig gleich und haben überhaupt keine eigenen biografischen Anteile mehr.

6) PRINZIP FREMDENFEINDLICHKEIT:
DAS PRODUKTIVSTE VORURTEIL, DAS ES GEGEBEN HAT

1968 fotografierst du dich täglich zweimal und schmuggelst die Fotos in Filmschaukästen. Im Jahr danach verkündest du, dass der Ich-Mensch gewinnen wird. Der Aufruf dazu lautet: „Wer nicht über sich selbst spricht, hat nichts zu sagen.“ Wie ist dieser Satz zu verstehen?

Ganz einfach. In der klassischen Anweisung an die Formulierung von Urteilen heißt es, ein Urteil ist umso gewichtiger, als die Person des urteilenden Richters zum Beispiel darin gar nicht aufscheint. Das Urteil soll nach Gesetz und Recht und nach sonst gar nichts erfolgen. Das ist natürlich Unfug, denn Menschen können nur mit Blick auf ihre Vorurteile leben. Sie müssen Erwartungen an das Leben haben, die sich aus der Geschichte der Menschheit selber als sinnvolle Vorurteile erwiesen haben. So ist Xenophobie ein evolutionär entstandenes und seit Jahrtausenden bewährtes Verhalten gegenüber Fremden. Andernfalls hätte die Menschheit nicht überleben können. Fremdenfeindlichkeit ist das produktivste Vorurteil, das es in der Sozialgeschichte überhaupt gegeben hat. Das aber sollte bekannt sein. Wenn man zum Beispiel ein Richteramt ausübt, hat man seine Vorurteile zu kennen und muss sie kommunizieren. Die Worte zu dem ihm Gegenüberstehenden könnten dann lauten: „Lieber Herr Angeklagter, erstens stinken Sie, deswegen habe ich schon zwischen Ihnen und mir eine Blumenpalette platziert, ich spreche zu Ihnen also durch die Blume“: (Das ist im Übrigen der historische Hintergrund: Wenn jemand stank, hat man in englischen Gerichten Blumen dazwischen gestellt.) Und weiter: „Ich beobachte auch immer, dass Sie dauernd an den Nägeln kauen. Das kann ich partout nicht leiden, und wenn Sie das nicht lassen, werden Sie aufgrund des mich beherrschenden Vorurteils alleine schon deswegen ein paar Monate länger im Knast sitzen. Also lassen Sie das Nägelkauen!“ Bei diesem Richter handelt es sich tatsächlich um einen unzweifelhaft verlässlichen Richter. Während der Richter, der sagt, er habe keine Vorurteile, ein Vollidiot ist.

7) PRINZIP ERFOLG:
WENN SICH EIN AKT DER ERKENNTNIS BESTÄTIGT

Wir hören immer wieder die Botschaft, die da lautet: Aus Fehlern kann man mehr lernen als aus Erfolgen, sie sind sogar bereichernd, machen uns reifer, irgendwie menschlicher. Es ist doch gerade umgekehrt: Die Menschheit ist nicht an einem Umgang mit dem Scheitern interessiert, sie hasst es. Worin siehst du eigentlich deinen Erfolg?

Ein Beispiel: ein Wissenschaftler kann dann von Erfolg sprechen, wenn er die von ihm aufgestellten Untersuchungshypothesen widerlegen kann. Das nennt Popper das Falsifikationsverfahren. Somit gilt: erfolgreich ist jemand, der beweist, dass seine wissenschaftlichen Annahmen falsch sind. Man arbeitet sich also an den Falsifikationen ab. Das Motiv ist demnach Scheitern als Gewinn.

Wenn man etwas weiß, dann hat man im Umkehrschluss auch Kenntnis davon, was man nicht weiß. In der Literatur wird das beschrieben als das sokratische Prinzip. Mit dem Wissen darüber, was man nicht weiß, lässt sich aber in letzter Konsequenz Gleichheit aller im Wissen des Nichtwissens herstellen.

Angesichts der Ungeheuerlichkeiten, welche die Evolution bereithält, also der Trilliarden von Problematisierungsmöglichkeiten, ist das zusätzliche Wissen, das ein Professor gegenüber einem Straßenkehrer hat, bedeutungslos. Somit sind alle Menschen gleich im Hinblick auf die Tatsache, dass ihr Erfolg nur im Scheitern bestehen kann. Dass der Zuwachs des Wissensgewinns immer daran zu messen ist, gelernt zu haben, was man alles nicht weiß. Dass man, wenn man behauptet, man löse ein Problem, weiß, dass das eine unsinnige Behauptung ist, weil die Lösung eines Problems in der Folge eben immer auch weitere Fragen evoziert und Probleme hervorruft.

III. Denkdienst

8) PRINZIP SYNKRETISMUS:
DER GENERALIST ALS SPEZIALIST FÜRS ALLGEMEINE

Das führt mich zur Frage: Welche Denker haben dich geprägt? Welche Schriften? Von einem Generalisten, wie du einen solchen im Feld der Ästhetik und Kunstvermittlung darstellst, ist das besonders interessant zu erfahren. Nach welcher Methode kommt es zu einer Vereinigung und Verbundenheit der Dinge?

Ich glaube, das ist mehr oder weniger das Übliche in Sachen Denker und Schriften. Anders sieht es aus, wenn man die allgemeinen religionstheoretischen, theologischen, philosophischen Aspekte betrachtet. Das ist davon sehr zu unterscheiden, weil es ja niemanden gibt, der schlechthin allen Anforderungen entsprechen kann. Man lebt synkretistisch und Synkretismus heißt seit der Spätantike, der Nachfolge von Alexander, dem alexandrinischen Kulturverständnis verpflichtet zu sein: Es ist ein Zusammenführen dessen, was je unterschiedlich entstanden ist, aber seine Bedeutung als Erkenntnis gerade dadurch unter Beweis stellt, dass es kompatibel und anschlussfähig ist. Ein Synkretist verlangt von keinem Menschen, dass er alles weiß. Das ist gar nicht möglich. Denn die Welt ist nie als das Ganze zu erfassen.

Was ist das Bedeutende an den Arbeiten von Menschen aus Jahrtausenden? Dass das, worüber sie Wissen erlangt haben, was sie entdecken konnten, anschlussfähig ist.

Wenn gesagt wird, wir lesen heute Aristoteles anders als vor dreihundert Jahren, dann hat das Gemeinplatzcharakter. Wir müssen doch die Art und Weise, wie Thomas von Aquin sich im Hochmittelalter mit Aristoteles auseinandergesetzt hat, und wie die Leute vor dreihundert Jahren Aristoteles erfasst haben, mit der heutigen Herangehensweise in eine Verbindung bringen. Der Text von Aristoteles ist über die Zeit ein- und derselbe geblieben. So bedeutet synkretistisches Lesen, diese drei Stufen, Thomas von Aquin, das 18. Jahrhundert und heute Aristoteles zu lesen, so zusammenzubringen, dass sich daraus die Produktivität der Orientierung auf Aristoteles ergibt.

Synkretismus heißt also nichts anderes, als die Sicherstellung der Anschlussfähigkeit. Und wenn man sagt, Menschen wie ich seien Leute, die vom Hundertsten ins Tausendste oder vom Hölzchen auf Stöckchen kommen, dann ist genau das der Ausweis für Synkretismus. Denn dann wird es möglich, in der Krawattenbindung, in der Speisenzubereitung und in der Verwaltung Anschlussfähigkeiten für die Entwicklung einer zeitgemäßen Position zu sehen. Das belegen die Leute dann mit dem Begriff des Generalismus oder begreifen es als Aufhebung des Spezialistentums. Man sei dann der Spezialist für das Allgemeine. Das ist genau das, was Synkretismus meint: ein Spezialist für das Allgemeine zu sein; und das Allgemeine ist das, was jederzeit anschlussfähig ist.

9) PRINZIP PRAXISBEZOGENES DENKEN:
IST DAS DURCHZUSETZENDE GERECHT GERECHTFERTIGT?

Die Berufsbezeichnung „Denker im Dienst“ scheint mir für dich sehr zutreffend zu sein, da du Denken nicht als Selbstzweck betreibst, sondern damit die Öffentlichkeit adressierst. Mit welchem Anspruch verbindest du deinen Denkdienst?

Wir befinden uns hier im Zürcher Niederdorf, in der Nähe der Wohnung von Heinrich Pestalozzi – in dem er 1762/63 seine großen Theorien entwickelt hat. Pestalozzi begründete in dieser Zeit eine Pädagogik, die eine entscheidende Wende markierte: von Bedeutung ist nicht, wie man Einfluss auf Schüler nimmt, sondern wie man seinen Anspruch darauf begründet, auf Schüler Einfluss nehmen zu wollen. Von diesem Zeitpunkt an steht der Lehrer in der Verantwortung, er muss Rechenschaft ablegen. Deswegen wird er in die Prüfung genommen. Lehren heißt, sich selbst zu kennen. – Kinder haben ein sehr gutes Gefühl für Gerechtigkeit. Sie vermögen in der Art, wie der Lehrer sie behandelt, zu beurteilen, was recht ist.

Das ist inkludiert in der Ausbildung der Staatenlenker, der Könige durch die Philosophen im Sinne der Philosophes des 18. Jahrhunderts. Philosophe bedeutet: ein Philosoph, der in praktischer Hinsicht, nicht nur theoretisch, Denken und Handeln unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit beurteilt. Alle französischen Philosophes des 18. Jahrhunderts mussten Praktiker sein. Es nützte nichts, irgendwas darüber zu erzählen, wie man frische Wunden behandelt, sondern man musste imstande sein, es darzustellen und als Praxis zu lehren. Die praktische Lehre war die Probe. Zum Beispiel demonstrieren zu können, wie man offene Wunden behandelt und wie man festsitzende Binden wickelt.

Die alten Sophisten mit den anwendungs- und praxisbezogenen Arten des Denkens waren Philosophes. Seither gilt alles Denken der Prüfung in seinem praktischen Momentum. Praxis heißt aber nicht, dass es darum geht, ob daraus nun ein Karren wird, etwas Funktionstüchtiges entsteht oder nicht. Wichtig ist die Frage, ob das, was man will und durchsetzen möchte, gerecht und gerechtfertigt ist. Ob es eine öffentlich akzeptierte Bedeutung hat, einen mit dem allgemeinen Verständnis übereinstimmenden Sinn ergibt.

10) PRINZIP DES DURCHDENKENS:
METAPHYSIK, PATAPHYSIK, PARAPHYSIK

Und du siehst deinen Denkdienst in dieser Tradition, so auch in der Überwindung des Dualismus von res cogitans (Seele, Bewusstsein) und res extensa (Materie, Leib)?

Ja natürlich. Normalerweise war die Kenntnis der Metaphysik als Aussage über die Welt jenseits ihrer Gegebenheiten zu verstehen. Man übersah aber, dass die Gedanken weltliche Gegebenheiten sind. Physis ist der Tisch, ein materiell Gegebenes. Und Meta ist das, was darüber hinaus noch existiert – Gedanken. Die Unterscheidungslinie verläuft zwischen den Dingen, der res extensa, und den Gedanken, der res cogitans. Im Cogitare hat Descartes diese beiden Dimensionen unterschieden: das Verdichtete als das Material, und das Denken. Das Denken ist etwas ebenso in der Welt Vorfindliches, nur von wesentlich größerer Bedeutung als alles Physikalische. Somit ist die Metaphysik als über der Physik stehend anzusehen. Schließlich leben wir Menschen doch fast ausschließlich aus dem Kosmos des Gedanklichen. Ob wir bei einer Welterklärung Hilfe suchen, bei unseren Religionssystemen, ob wir unsere Kenntnisse als Ärzte oder Ingenieure zur Anwendung bringen, alles ist gedanklich geprägt. Entscheidend ist immer, wie der Gedanke aus dem Physikalischen entsteht. Das menschliche Gehirn ist selbst Weltbestand als Physik.

Was hat es nun mit einem Denkdienst auf sich, was meint Denkdienst ganz konkret?

Denkdienst heißt Durchdenken. Es legt nahe, nicht nur auf die materielle Welt einzugehen, sondern auch andere, denkende Menschen einzubeziehen. Der Metaphysiker operiert jenseits der materiell gegebenen Dinge mittels seiner Gedanken. Wenn das zurückwirkt, wenn die Gedanken in die Gestaltung wieder Eingang finden, lässt sich von Pataphysik sprechen. Wenn daraus wieder neue Gedanken entstehen, hast du eine parapsychologische Ebene, eine Paraphysik. Metaphysik, Pataphysik, Paraphysik.

Ich kann direkt von meinem Kopf in den Kopf eines anderen hineinwirken, mit Gedanken, mit Liedern, mit Poesie, mit was auch immer. Damit ist der Denkdienst gekennzeichnet bzw. der Dienst an der metaphysischen Erziehung, an der Stimulierung des Zutrauens der Menschen zu ihrer metaphysischen Fähigkeit. Was die Leute in unseren Tagen nicht begreifen, ist, dass Metaphysik nicht ein Jenseits der Welt darstellt. Vielmehr ist Metaphysik die reinste Bestimmung des Materialismus der Welt. Die Gedanken sind das entscheidende Material im Gegenwärtigsein von Welt. Alles was man sieht, alle Gestalt, all das sind Gedanken. Das Entscheidende an der Differenzierung von Materie und Geist ist der Gedanke. Weiterführend ist dann das Experiment, auf das Denken selbst Einfluss zu nehmen. Möglich ist das durch das Organisieren von Unterrichtsstrukturen, die sich an spezifischen Formen der Entwicklung des Denkens orientieren, zum Beispiel der Mathematik. Man lernt diese ja nicht, indem man einen Stein neben einen anderen legt und in der Summe nun zwei Steine hat. Man erfasst diese Disziplin, ausgehend von der Axiomatik, als ein mathematisches Regelwerk. Mathematik entwickelt sich ohne jeden Blick in die Welt. Sie ist ein in sich geschlossenes System.

Axiome sind als Ausgangspunkte von essentieller Bedeutung. Wir Menschen rekurrieren auf Glaubensakte als Ausgangspunkte, um wissen zu können. Man muss glauben, damit man wissen kann. Und umgekehrt: man weiß, das man glauben muss. Das ist die unumstößlich gültige Einheitsformel des Mittelalters. Glauben ist Wissen und Wissen ist Glauben. Damit wird auch deutlich, dass dieser Denkdienst oder eben diese Bildungsintention, nämlich die Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation – das Entwickeln der Gedanken selbst ohne Repräsentation in etwas anderem als den Begriffen – eine Exzellenzform, eine besondere Verantwortlichkeit verlangt und einer besonderen Anstrengung bedarf.

11) PRINZIP LIMBO:
EIN WARTERAUM DER PRODUKTIVEN INDIFFERENZ

Seit Ende 2011 hat dein Denken einen realen Ort – die „Denkerei“ in Berlin. Mitten in Kreuzberg hat das „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand“ seinen Sitz. Die „Denkerei“ ist ein Ort zum Querdenken. Ihr bemüht euch, der öffentlich verbreiteten Ideologie entgegenzuwirken. Wie kam es dazu und wie „erfolgreich“ ist das mit dem Querdenken statt dem Schönfärben bisher gelaufen?

Am 20. April 2007 hörten Herr Bauer und ich, wie von Radio Vatikan verlautbart wurde, dass der deutsche Papst, Benedikt der Sechzehnte, Herr Ratzinger, gedenke den Limbo, die Vorhölle abzuschaffen. Man muss wissen, der Limbo ist eine seit dem 4. Jahrhundert existierende theologische Bestimmung eines Unortes, einer Dystopie. Jedenfalls etwas vom Topos des jeweils Gegebenen Unterscheidbares. Jeder Ort der Welt ist ein Topos und das davon Unterscheidbare kennzeichnet das außerweltliche Dasein. Aber: Wo sind wir, wenn wir außer der Welt sind? Wo sind wir, wenn wir im Himmel sind? Wo sind wir, wenn wir in der Hölle sind? Wo sind wir, wenn wir außer uns sind? Mit der Begründung, dass die Menschen sowieso nicht mehr daran glauben und die theologischen Reflexionen dazu nicht mehr zeitgemäß sind, hat dieser Papst auf die Existenz des Limbo verzichtet. Ich habe mich gefragt: Ist der verrückt geworden?

Der Limbo war die gigantischste soziale Erfindung der Kirche überhaupt. Im Kanon des Glaubensverständnisses einen Raum zu schaffen, in dem all diejenigen ihren Platz finden, die nicht an die Heilsgeschichte glauben oder darin nicht vorkommen, war außergewöhnlich. Der Limbo ist ein Raum des Wartens, der produktiven Indifferenz zur Entwicklung einer Erwartung, wobei diese natürlich diejenige der Kirche war. Am Ende, so das Kalkül der Kirchenväter, werde es die allgemeine Überzeugung geben, dass die christliche Theologie die bedeutendste von allen sei. Dieser Vorstellung werden sich alle anschließen. Dazu bedürfe es keiner Missionierung, denn als Kirche habe man einen Platz, einen Warteraum. Das kann entweder der Limbo der Alten sein – damit sind die gemeint, die schon das Alte Testament bevölkern, die vor Christus gelebt hatten und gar nicht in der Heilsgeschichte sichtbar waren; oder der Limbo der ungetauften Kinder – die ja aufgrund dieser Tatsache nicht einfach eliminiert werden konnten. Dann gab es noch den Limbo aller so genannten Heiden, der großen Geister der Antike, von Platon bis Aristoteles. Wo hätten diese Titanen, im Sinne der christlichen Heilsgeschichte, eigentlich bleiben sollen? In der Hölle? Unmöglich, dazu fehlte ihnen der Glaube. Deshalb haben sich die Kirchenväter dazu entschieden, den Limbo einzurichten.

Der Limbo ist eine kirchenkonzeptuelle Zone gleich einem Niemandsland. Hier gilt das Prinzip der Indifferenz. Eine Zone zwischen den Fronten zwischen Himmel und Hölle. Und das hat der Papst Benedikt ohne Not preisgegeben. Mit einem Federstrich.

12) PRINZIP MYTHOS:
DIE BEDEUTUNG DER „DENKEREI“ FINDET SICH IN IHRER BEHAUPTUNG

Der Limbo respektive Limbus, der Ort, an dem sich Seelen aufhalten, die ohne eigenes Verschulden vom Himmel ausgeschlossen sind, das soll nun die „Denkerei“ sein?

Ja klar. Wir haben über ein Dutzend Museen angeschrieben, all die Orte, an denen der „Lustmarsch“ 2006 gastiert hatte. Wollt ihr nicht jetzt fragten wir, wo die Kirche den Limbo geschlossen hat, euer Museum zu einem neutralen Raum der produktiven Indifferenz erklären? An diesem Ort wird man weltanschaulich nicht zum Einen oder zum Anderen gezwungen, es findet keine Erziehung zur Übernahme eines Bekenntnisses statt. Es bleibt ein indifferenter Raum zur Entwicklung von Überzeugungen und Überlegungen. Doch keiner wollte es machen.

In Karlsruhe hatten wir die Idee Peter Weibel und Peter Sloterdijk unterbreitet. Die Frage war, ob wir einen solchen Raum nicht im ZKM gemeinsam mit der Hochschule für Gestaltung einrichten sollten. Ist nicht eine Hochschule die säkulare Form des Limbo? Diese Institution gewährt am ehesten ideologiefreie Verhältnisse. Doch wir sahen uns mit einer etwas zögerlichen Zurückhaltung konfrontiert. Es gab die üblichen Einwände und dann den Vorschlag, es mal auf eine Probe ankommen zu lassen. Eine Bürgerschule wurde ins Leben gerufen, an der alle interessierten Menschen im Hinblick auf solche Fragestellungen teilnehmen konnten. Wir haben diese Bürgeruniversität zwar installiert, aber ohne große Aufmerksamkeit durch die Geldgeber oder durch die Politik. So blieb nichts anderes übrig, als die Sache in Berlin neu zu begründen.

Für wen betreibt ihr überhaupt die Denkerei in Berlin?

Immer eine gute Frage! Für wen macht man das eigentlich? Eine Antwort ist: man hält die Fahne hoch, man muss sich zu den Dingen bekennen, die man tut. Die Bedeutung liegt darin, dass es behauptet wird. Das ist das Prinzip des Mythos. Mythologische Aussagen sind nur wirksam durch das Erzähltwerden. Hinter ihnen verbirgt sich nichts. Somit ist das Aussprechen die Form der Legitimation. Das poetische Schema hat dieses Prinzip übernommen. Die Poesie ist weder objektive Wissenschaft noch Erlebensschilderung oder Erfahrungsbericht. Objektiv gesehen ist da nichts. Aber es ist etwas von Geltung, weil es zur Sprache gefunden hat. Dadurch legitimiert sich die Denkerei.

IV. Seefahrt

13) PRINZIP ORTLOSIGKEIT:
DER ANDERE ZUSTAND ODER DER ZUSTAND DER HETEROTOPIE

Du hast einmal erklärt, dass Fortschritt gerade darin bestehe, Gegenkräfte für das Weiterkommen zu nutzen. Das lehre die Seefahrt: „Kreuzen gegen den Wind, das ist Fortschritt – gegenüber dem bloßen Sich-vom-Winde-treiben-Lassen.“ Was sagt uns das in Bezug auf die Entwicklungen in Kunst und Wissenschaft?

Das sagt uns: sich verlassen zu müssen auf das, was man metaphysisch leisten kann. Denn die Physik auf See ist nur bezogen auf das Schiff selbst und auf das Meer, aber nicht auf die Orientierung. Es ist unter Umständen kein Horizont, kein Firmament sichtbar. Der Himmel ist nicht selten durch schlechtes Wetter verdeckt. In früheren Zeiten waren zwar die Breitengrade bekannt, aber nicht die Längengrade. Man bewegte sich im Unbestimmten, denn auf dem Meer unterwegs zu sein, bedeutet ja, sich in einem Zustand der Ortlosigkeit zu befinden. Doch mittels des Denkens ist Orientierung in der Ortlosigkeit möglich. Dabei handelt es sich um den metaphysischen Raum, auch der andere Zustand genannt, oder der Zustand der Heterotopie im Sinne Michel Foucaults. Es ist der völlig andere Ort, der keine Eigenschaft von der Örtlichkeit besitzt, die uns sonst festlegt.

Ein Platz lässt sich definieren, aber der Unort, der Nichtort entzieht sich definitorischer Festlegung. Trotz des Versuches, ihn zu beschreiben. Man kann durch ein richtiges Verhältnis von metaphysischen Orientierungen (also gedanklicher Ausrichtung) und physischen Gegebenheiten tatsächlich steuern und Kurs halten. Im Fall der Bewegungen auf dem Meer funktioniert dies anhand der Strömungs- und Windverhältnisse.

Ortlosigkeit kann mit dem Begriff des Steuerns nicht in eine Verbindung gebracht werden. Wenn etwas ortlos ist, bleibt das Steuern ohne Konsequenz. Trotzdem ist das Unbekannte, das Ortlose, das ganz Andere, die andere Welt mit Vernunftgründen genauso zu bewirtschaften wie die physikalisch existente Welt. Das macht die Kunst vor. Ein Künstler kann sich nicht vornehmen, etwas Großartiges zu schaffen. Eine solche Vorstellung kann nur der Dummheit eines Laien entspringen. Wenn dieser, von einem solchen Vorhaben geleitet, ein großartiges Bild zu malen gedenkt, dann wird das nicht funktionieren.

Somit muss der Künstler Vertrauen gewinnen in seine Fähigkeit, sich auf das einzulassen, was er nicht will und vor allem auf das, was er nicht beherrscht. Der wahre Künstler beschäftigt sich im Hinblick auf das, was er nicht kann. Wenn er nur etwas kreieren würde, zu dem er fähig ist, dann wäre das Ergebnis etwas Planbares. So aber entzieht sich sein Schaffen einer klaren Konzeption. So muss der Künstler als Meister sich auf das einlassen, was er nicht kann. Aus der permanenten Neueroberung der Dinge, die man nicht kann, nicht weiß, nicht hat, generiert sich dann die Verlässlichkeit in der Orientierung.

14) PRINZIP NAVIGATION:
IMPLIZITES WISSEN MIT EXPLIZITEM IN BEZIEHUNG SETZEN

Auf welche Navigationstechnik vertraust du?

Das ist das ganz schlichte Verhältnis von implizitem und explizitem Wissen. Im Leben der Menschen, soweit es einigermaßen erfolgreich verlaufen ist, sie an die 30 bis 35 Jahre alt geworden sind, sammelt sich implizites Wissen an. Alles, was sich bewährt hat, ist als implizites Wissen vorhanden. Alle fachlichen Orientierungen dagegen umfassen das explizite Wissen. Wie zum Beispiel ein Wasserhahn oder die Gasleitung funktioniert, das ist explizites Wissen.

Dann gibt es doch auch implizites Wissen als das, was Kinder übernehmen.

Natürlich. „Tacit knowledge“ nennt sich das in der Wissenschaft, das unausgesprochene Können, Wissen durch Erfahrungsaneignung. Das andere ist explizit und eben der Wissenschaft zuzuordnen. Das Grundschema heißt: auf der einen Seite sind die Wissenschaften, die etwas explizit machen, auf der anderen die allgemeinen Lebensformen, repräsentiert durch Handwerker und Alltagsmenschen, die etwas implizit wissen. Wichtig ist eine ständige Wechselbeziehung, welche dieses implizite Wissen mit dem expliziten in Beziehung bringt. Erkenntnis ist daraus zu gewinnen, dass man das implizite Wissen explizit macht. Für einen Chirurgen etwa ist es nicht mehr wichtig, explizit etwas über sein Fach zu wissen, sondern er muss es verinnerlicht haben. Er operiert dann wie ein solider, erfahrener Handwerker, mit traumwandlerischer Routine. Das heißt, er bewegt sich im Bereich des Professionellen mit völliger Sicherheit ohne je auf Explizitheit rekurrieren zu müssen. Das ist der Fundus für alles, was im Begriff von Produktivität gefasst ist.

15) PRINZIP GERECHTIGKEIT:
DIE HINWENDUNG ZUR GERECHTIGKEIT ALS GRUNDSCHEMA DES ZUSAMMENLEBENS

Was treibt dich an, grundsätzlich und überhaupt?

Die allgemeine, die von allen Menschen teilbare Erfahrung, dass Hunger oder andere Formen der Unterwerfung unter fremde Mächte – im Namen der Selbstwertschätzung jedes Lebewesens – nicht akzeptiert werden können. Der Antrieb ist, ich will meine Würde nicht verlieren. Ich will nicht akzeptieren, wie der Anspruch darauf, gewürdigt zu werden, ernährt zu werden, geheilt zu werden, Leidensminderung zu erfahren, gering gemacht oder ganz aufgegeben wird.

Der Mensch muss ein natürliches Interesse daran haben, dass es gerecht zugeht, dass jedem gewährt wird, was ihm zusteht. Die Hinwendung zur Gerechtigkeit, das ist das Grundschema des Zusammenlebens auf allen gesellschaftlichen Ebenen und vor allem auf derjenigen des Expliziten. Jede Philosophie geht vom Begriff der Gerechtigkeit aus. Ein anderer Ansatz existiert nicht. Wahrheit ist völlig unerheblich. Gerechtigkeit ist das Entscheidende, das was richtig gemacht wird und was gerechtfertigt ist – das ist der Antrieb. Dazu passt Nietzsches Ausspruch „meine Gerechtigkeit ist Liebe mit sehenden Augen“.

Und zum Schluss: Was ist dir wichtig im Alter?

Da würde ich meinen, die Überzeugung, dass andere Menschen und vor allem jüngere sagen: ‚Was du gemacht hast, ist für uns von Bedeutung.‘ Das ist der Kern. Kultur ist Transmission über Generationen und Wissen ist nur in der Transmission möglich. Man macht Übersetzungen von einem in einen anderen Zustand, aber nicht, um zu übersetzen. Lyrik kann man nicht übersetzen, sie bleibt immer das Unübersetzbare. Was man kann, ist aus der Unangemessenheit, der Unübersetzbarkeit den eigentlich produktiven Akt zu formen.

16) PRINZIP PRODUKTIVITÄT:
DINGE AUFEINANDER BEZIEHEN, DIE MITEINANDER NICHTS ZU TUN HABEN

Das Übersetzen beinhaltet, dass man etwas findet, was sich nicht planen lässt?

Ja, eigentlich müsste es nicht Lost in Translation heißen, sondern Found in Translation. Alle Transformationsvorgänge gehen darauf zurück, durch die Missverständnisse, die Unangemessenheit etwas nicht Planbares zu produzieren. Jede gelungene und fruchtbare Kommunikation ist das Ergebnis des produktiven Missverstehens. Deswegen ist das System des Aufeinander-Beziehens des Nicht-Zueinander-gehörigen, also das Verfahren der Künstler, Dinge miteinander in Verbindung zu bringen zu können, die miteinander gar nichts zu tun haben, so produktiv. Weil sich daraus eben etwas nicht Planbares ergibt. Das Missverstehen ist die größte Ressource für die Entwicklung von semantischem Potential.

Also der Wunsch ist, dass eine jüngere Generation dein Denken, deine Theorien empfindet und diese übertragen kann in eine eigene Lebenswirklichkeit.

Ja. Und dass die dann herausfinden: Aha, wenn ich das benutze, komme ich zu eigenen Erkenntnissen, zu solchen, die ich mir selbst niemals hätte ausdenken können. Insofern ist das die wesentliche Bedingung für das Unausdenkbare.

Perfekt. Bazon Brock, ich bedanke mich bei dir für dieses Gespräch.

DANK
Das Gespräch mit Bazon Brock wurde einem Lektorat unterzogen durch Walter Eckermann (Wien), der mit der Herausforderung konfrontiert war, dem Erzählen von Brock eine Kontur zu verleihen und damit für die ungebärdige Uneinzäunbarkeit seines Denkens eine konzise Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten unter Berücksichtigung des typischen Brock-Sounds. Der intensive und lange Austausch führte zu einem rund 50 seitigen Manuskript, das auf einen leserfreundlichen Umfang gekürzt werden musste. Die Essenz aus der Essenz herauszufiltern wurde durch Suzanne Pellaux (Windisch) mit einem analytisch-sinnlichen Auge für die Kernaussagen durchgeführt. Das hat in der redaktionellen Bearbeitung durch den Gastherausgeber Paolo Bianchi zu den 16 Prinzipien geführt, die sich in einem Moment kalkulierter Spontaneität einfach so ergeben haben. Marina Sawall (Denkerei Berlin) hat das Korrektorat vorgenommen, auf wertvolle Details geachtet und für den letzten Schliff gesorgt. Ulrike Hennecke war für die Transkription der Tonbandaufnahmen zuständig. Thomas Zacharias (Zürich/Winterthur) hat den Termin zum Interview koordiniert und den Kontakt zu den Buchgrafikern und Bildlieferanten organisiert. Ulrich Klaus und Stefanie Hierholzer vom Büro für Gestaltung QART (Hamburg) haben ausgehend vom „Theoreme“-Buch Bilddateien dearchiviert und neu aufbereitet. Ihnen allen sei hier ein großes Dankeschön für die wertvolle Unterstützung und gelungene Zusammenarbeit ausgesprochen. Merci beaucoup.