Film Deutschland Dada

John Heartfield, Fotomonteur. Happening, Protest 1968

Helmut Herbst: Deutschland Dada, Bild: Edition Filmmuseum 108. München 2018. (Doppel-DVD).
Helmut Herbst: Deutschland Dada, Bild: Edition Filmmuseum 108. München 2018. (Doppel-DVD).

Edition Filmmuseum 108 

"Die drei Dokumentarfilme Deutschland Dada (1969), John Heartfield, Fotomonteur (1977) und Happening, Kunst, Protest 1968 (1981) erscheinen als thematisch und formal aufeinander bezogene Trilogie zur Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Frage 'Was geschieht beim provozierten Zusammenprall von Kunst und Gesellschaft?' zieht sich als roter Faden durch alle drei Filme. Der kunsthistorische Blick fokussiert auf jene in unserer deutschen Geschichte so seltenen Momente, in denen ästhetische Radikalität und politische Radikalität eine kleine Wegstrecke Hand in Hand gingen, bevor das Treiben autoritärer politischer Sekten auf der einen Seite und die Reaktion des autoritären Establishments zusammen mit der Gefräßigkeit des Kunstmarktes auf der anderen diese schöne Gemeinsamkeit beendeten." (Helmut Herbst) Die Doppel-DVD präsentiert alle drei Filme sowie bisher unveröffentlichte Tondokumente von Gesprächen mit den Künstlern Richard Huelsenbeck, Raoul Hausmann, Joseph Beuys, Bazon Brock, Wolf Vostell, Allan Kaprow und Al Hansen.

Die Filme

Deutschland Dada - BRD 1969 - Regie, Kamera und Schnitt: Helmut Herbst - Drehbuch: Helmut Herbst, Carlheinz Caspary - Animation und Assistenz: Franz Winzentsen - Sprecher: Ingeborg Felsner, Jörg Falkenstein, Günther Lippert, Peter Weiss - Produktion: Cinegrafik, Hamburg

John Heartfield, Fotomonteur - BRD 1976 - Regie: Helmut Herbst - Drehbuch: Eckhard Siepmann, Helmut Herbst - Kamera: Axel Brandt - Schnitt: Heide Breitel - Sprecher: Carlheinz Caspary, Jörg Falkenstein - Produktion: Cinegrafik, Hamburg

Happening, Kunst, Protest 1968 - BRD 1981/2016 - Regie, Grafik und Animation: Helmut Herbst - Drehbuch: Helmut Herbst, Friedrich Heubach - Kamera: Helmut Herbst, Irina Hoppe - Schnitt: Renate Merck - Sprecher: Brunhild Geipel, Jörg Falkenstein - Produktion: Cinegrafik, Hamburg

DVD-Features

DVD 1

Deutschland Dada 1969, 63'
John Heartfield, Fotomonteur 1976, 63'
Gespräche mit Raoul Hausmann 1968, 111' (audio)
Gespräche mit Richard Huelsenbeck 1968, 37' (audio)
Fotodokumentation John Heartfield

DVD 2

Happening, Kunst, Protest 1968 1981, 75'
Gespräch mit Joseph Beuys 1980, 8' (audio)
Gespräch mit Bazon Brock 1980, 19' (audio)
Gespräch mit Allan Kaprow 1980, 10' (audio)
Gespräch mit Wolf Vostell 1980, 21' (audio)
Gespräch mit Al Hansen 1980, 22' (audio)

20-seitiges dreisprachiges Booklet mit Texten von Daniel Kothenschulte, Helmut Herbst, Raoul Hausmann und Richard Huelsenbeck

Herausgeber: Filmmuseum München und Goethe-Institut München
DVD-Authoring: Gunther Bittmann, Tobias Dressel
DVD-Supervision: Stefan Drössler, Michael Farin

Erschienen
2018

Medium
DVD

Herausgeber
Filmmuseum München | Goethe Institut München

Autor
Herbst, Helmut

Erscheinungsort
München, Deutschland

Gespräch mit Bazon Brock 1980

19' (audio)

[Es handelt sich um eine Collage aus dem Text zur Aktion „Der Satz“ im Rahmen des 24 h-Happenings, Wuppertal 1965 und einem Text von Bazon Brock zu seinem Theorem der „affirmativen Strategie“, die von ihm selbst eingesprochen wurden.]

Transkript:

24 Stunden, Wuppertal, 5.6.1965:
Thema: 24 Stunden oder der alltägliche Thermidor. Realisation: Das Erscheinen eines Satzes im Zeitraum von 24 Stunden, das Erscheinen des Jahrhundertsatzes durch Drehen einer Scheibe hinter ausgeschnittenem Fenster.
96 Buchstaben in 24 Stunden, das heißt 1 Buchstabe alle 15 Minuten.

bis 1 Uhr: Bilde mein Image aus: Kopfstand auf dem äußersten Tischende; der erste Buchstabe und der erste Zuspruch. Man meint, ich würde nicht durchhalten. VOSTELL und BEUYS sammeln die Aufmerksamkeit. Jenseits der Säulenlinie, der Grenze, des Strichs, jeweils höchstens zwei, drei Ratlose, die herumtasten.

bis 2 Uhr: BEUYS in Ausschließlichkeit. Mike v. N. Y. named DON PASTICHE. Mercedes linker Hand und rotes Haar im Lederetui. Die Buchstaben wandern. E wandert. Mehrere Vorstöße des prosaischen Publikums, immer bemüht, den Mechanismus der Apparatur als die Sache kennen zu lernen. Sie versuchen von der anderen Seite des Tisches her, die Scheibe zu drehen und mich durcheinander zu bringen.

bis 3 Uhr: PRIEWE bringt den Flaschenöffner, SOHM Wasser, Emaille den ersten Kaffee. Sie sah, wie einige Teilnehmer VOSTELLs Rinderinnereien in den Suppentopf schnitten. Die Suppe soll bereits gegen 1/2 3 Uhr ausgelöffelt worden sein. Familie JÄHRLING gelingt die Küchenkontrolle nicht mehr.

bis 4 Uhr: Fünf Minuten Filmaufnahme.
Ich lag in meinem Vormann, Vorfahren, Figurensarg, den BEUYS am Nachmittag um mich mit grüner Fettkreide gezeichnet hatte, auf dem JÄHRLINGschen Konferenztisch, auf dem mein Satz auch lief. Bei Verwischung der Konturen habe ich ihn jeweils zur Gestalt wieder nachgezogen. Ein Drittel seines Umrisses war gewiß jeweils zu sehen.

bis 5 Uhr: Jens nach argonautischer Fahrt im zweiten Stockwerk auf meinem Bett angelangt. Zänkische kleine Weiber ihrer angetrunkenen Burschen treiben sich umher. Bestehe auf Ruhe. Erniedrige mich selbst. Als sie meine Utensilien zerschlagen, den Kleiderstand umreißen und zerbrechen, gebe ich einen Hinweis. Die Antwort, ihre Antwort ist schlagend und trifft uns alle: „Ich denke, hier ist happening, da kann man machen, was man will.“

bis 7 Uhr: Jens erscheint ausgeruht. Bettbedeckungen fehlen und anderes, sagt er.
Ich muß zum ersten Mal den weißen Saal verlassen. Aus meinem Koffer fehlen alle Handschriften. Die Gäste verlieren. Kondition läßt bei ihnen nach. Sie liegen in den Zimmerecken und schlafen schamlos. Ich verweise einige auf Jesus im Garten. Sie wollen nicht wachen. Der Rest gruppiert sich um mich.

bis 9 Uhr:.PAIK sei auf dem Klavier eingeschlafen, Charlotte entführt worden. Ich nehme eine halbe Effortil. Jens geht Zigaretten holen. VOSTELL und BEUYS schlafen (wie versteht sich das mit der gestellten Aufgabe 24 Stunden durchzuhalten, gar bei VOSTELL, der überhaupt nicht in seinem Raum ist?).

bis 10 Uhr: Telegramm-Botschaft an BEUYS: GOLDFLECKEN IM BETT. Per Boten in Satin, Schnabelschuhen und griechischem Profil.

bis 15 Uhr: Wird da ein Satz sein. Die Vereinzelung als Theorem. Auskünfte an Besucher aus besseren Kreisen. Mehrere erinnerte Gesichter. Kommen als Kommissare und überprüfen mit gespielter Kennerschaft die Akteure. Treiben zum Engagement an. Noch 8 Stunden. „Sie haben noch 8 Stunden zu leben.“ Ereignischarakter nimmt zu. Erlebnisfähigkeit ab. Aufmerksamkeit der im weißen Zimmer um den Satz Versammelten bleibt erhalten. Deutlich das Moment des Exerzitiums. Fast alle anwesenden Literaten um meinen Tisch, wohin sie sich wieder sammeln, wenn sie zuweilen rundgingen. Wiederholung und Zyklus als literarische Kategorien. Weshalb ich wohl als einziger tatsächlich ein 24 Stunden Ereignis liefere, während die anderen eine Addition ihrer Einzelszenen geben. Bei VOSTELL in immer kleiner werdenden Schritten, weil durch die fortschreitende Aktion sein Material ja abnimmt. Deshalb werden Einzelphasen bei ihm stärker. Ich sehe ihn im Glas sitzen und über eine halbe Stunde hin und her den Arm an der Scheibe aufstrecken, um Zeichen zu geben, sich zu verständigen. Jede Aufwärtsbewegung vom anlaufenden Motor erstickt. Sein stärkstes Bild.

bis 16 Uhr: Bin grob. SCHMELAs Heimzirkus mit den Stars vom Trapez läuft ein: RESTANY, MATHIEU, WILHELM, Anhang. Beginne den hermetischen Verschluß meiner verhandelten Sache zu spüren. Und fühle mich doch sehr wohl dabei.

bis 19 Uhr: Bei VOSTELL 5 Leute, bei BEUYS alle, bei mir keine. Ruhe bitte. Ich bin allein, der einsame Mann im Ring. Gespielt: die Schwingungsweite des Krückstocks meines Großvaters. Drei Leute messen aus und wandern mit meinem Großvater über die Felder. Ich mache den jungen Herren. Leibeigene verprügelt. Man riecht VOSTELLs Fleisch bereits.

bis 20 Uhr: Vereinzelung: Handtaschenutensilien. Man trampelt weiterhin auf meinen Wäschestücken herum. Vor allem auf meinem Doppelknopfhemd mit hohem Kragen und angeschnittenen Ecken. Mein Lieblingshemd. Nehme die Lektion an gegen die Verfallenheit an das Material. Wie ich stolz bleibe.

bis 22 Uhr: Filmaufnahme. Satz schreitet, Endbeschleunigung nimmt zu. Rotierend alles, um endlich losgelassen zu werden. Befreiung aus dem Zeitablauf deutlich.

bis 24 Uhr: das Ende von etwas. Während PAIK Rauschgift und Elektronik diskutiert und wir Schafsnasen ziehen, zeigen sich die letzten Einheiten des Sinngefüges. Mein Mißverständnis seines Satzes nimmt er als neuen Gedanken auf. Die Schlacht war vorbei. Die aufwendige Benutzung kriegstechnischer Termini macht stutzig. Sollten wir am Ende uns selbst übersehen haben?

Liste der vereinzelten Gegenstände

Die Aufforderung stand auf dem Fußboden: Analysieren Sie selbst anhand der eingezeichneten Spuren die Ereignisse.

Aufmerksamkeitszentrum liegt im Kreidekreis.
Blaue Frauenwindjacke mit Kapuze, Reißverschluß, Schabspuren, zugeknöpfte Taschen
1 roter Damennetzhandschuh mit halblangem Arm
1 Halskette aus Kernen auf weißem Nylonband
3 Puderdosenläppchen nicht identisch mit dem Inhalt einer Puderdose mit Spiegel und Reißverschluß außen herum
1 blaue Lockenrolle
1 Paar Damenhalbschuhe Wildleder Größe 37 mit deutlichen Einstichen von sieben Reißzwecken in der Sohle
1 Nagelfeile sichtbar abgerissen in der unteren Hälfte
1 Damenhöschen Schwarz mit Spitzenumlauf. Angerissen am Zwickel
1 Damennylonstrumpf mit einem Haltestraps. Farbe der Sohle wie die des Inneren des Schuhs
1 Herrenhose braun mit umgelegten Beinenden, in denen Dünensand und Grassamenreste. Kniffe am rechten Oberbein, Unterbein und linken Unterbein. In der rechten Hosentasche ein sirupverklebtes Tempotaschentuchpaket mit drei Tempotaschentüchern.
1 Scheibe Stangenweißbrot
1 silbernes Vorsatzpapier einer Zigarettenschachtel ohne Aufdruck, also deutschen Ursprungs
1 Schachtel Octadon (schmerzlinderndes Mittel)
1 Frugelettenwürfel in Silberpapier. Hersteller Natura Werke Hannover (Abführmittel)
1 Schachtel Arthama Nährstoff (Nahrungsmittelprobe)

Zeitpunkte zum Werden von Etwas

Als Wenzel BEUYS’ Wassermassen zu beiden Seiten seines Stuhles niedergehen sieht.
Als wir BEUYS’ Sprache durch Raumbegriffe beschreiben: „Wenn ich nach München komme, bestelle ich Lungen-hasch immer zuerst.“
Als er den Hebel ansetzte, „Langziehung anstelle von Erziehung“ sagte. Als Wenzel Evgen sagte.
Als nach drei Nächten Morgen wurde und die Straßenbahnen nicht zu hören waren. Als Wenzel sagte „Das ist wie ...“
Als Frau JÄHRLING und Evgen VOSTELLs Fleisch vom Boden kratzten. Als BEUYS aus dem Kriege zurückkam.
Als JÄHRLING nach Afrika umziehen wollte.
Als BEUYS Vollasiate wurde, während wir die Zeitläufte aushoben, BAUMs Kaffee reichten, PAIK uns für die Armen einzunehmen versuchte.
Als ich sagte: „Europas Sieg ist längst total.“
Als VOSTELL sagte: „Den Widerspruch liefern wir gleich noch mit.“
Als PAIK sagte: „Wir brauchen eine japanische Raffinerie.“
Als BEUYS sagte: „Freud ist Mediziner und sonst nichts.“
Als es nach drei Nächten Morgen wurde vor Wenzel.
Als ein Stück Zucker schräg zu Boden fiel.
Als wir uns gegen uns selbst entschieden.
Als ich bemerkte, daß dies für mich das entscheidendste happening geworden sei.
Als der Autoschlüssel im geschlossenen Kofferraum lag.
Als das Frühstück eingenommen wurde.
Als das Buch gemacht werden sollte.
Als die Photos kamen.
Als JÄHRLING auf dem Feldbett lag und ihm die Asche auf die Brust fiel.
Als Charlotte meine Anschrift wollte und ein Theaterstück bekam, das ihr gefiel.
Als ich ging.

Nachtrag zum Anfang

Motto: „Nach experimentellen Ergebnissen tötet ein Gramm Kobragift 83 Hunde, 715 Ratten, 330 Kaninchen oder 143 Menschen.“ Laut Beschriftung am Kasten einer Kobra im Zoo zu Frankfurt am Main.
Mein Satz befindet sich pergamentiert in einer beschrifteten Dose im Hause der Familie BAUM in Wuppertal. Er wird jeweils an die älteste Tochter vererbt. Der Satz ist stark genug, um sakramentalen Dienst zu tun. Er kann Sterbenden vorgelesen werden.

[Ende: Der Satz, bei 12:43 min.]


Was mich an dem Treiben der Künstler seit Dada besonders interessiert, ist die Tatsache, dass diese Künstler ein Verfahren, eine Strategie anwenden, die mir außerordentlich wichtig ist. Denn, es ist uns ja allen klar, dass man gegen das System, in dem wir leben, nicht antreten kann, indem man ihm Inkonsequenzen vorwirft oder Widersprüche in es hineinträgt. Diese Widersprüche liefert das System ja selbst längst mit. Es nützt nichts mehr, dem Gegner nachzuweisen, dass seine Behauptungen falsch seien. Man muss den Gegner dazu zwingen, seine eigenen Behauptungen ganz ernst zu nehmen, indem man selbst die Behauptung des Gegners zunächst einmal völlig ohne Einschränkung gelten lässt - ja, sie bis in ihre radikalste Ausformulierung vorantreibt, um sie dann aus sich selbst zusammenbrechen zu lassen.

Ein derartiges Vorgehen bis zum Rande des Abgrundes, bis ins Zentrum der Hölle meint eben die „Revolution des Ja“, meint die Strategie der Affirmation.

Affirmation ist, wie das durch Marcuses Verdrehung dieses Begriffes als Missverständnis nageliegt, Affirmation ist nicht Zustimmung als sich unterwerfende Anerkennung, sondern Affirmation meint Radikalisierung eines Zustimmung fordernden Anspruches, bis der aus sich selbst heraus zusammenbricht.

Es gibt einige Bereiche, in denen dieses Verfahren, außerkünstlerische wie künstlerische Bereiche, sich als außerordentlich fähig erwiesen hat; zum Beispiel in der Psychotherapie, wo man den Kranken verstärkt eben jene Symptome verordnet, unter denen sie leiden. Klaus Staeck, Anselm Kiefer waren Meister der affirmativen Strategie, zum Beispiel, wenn eben Staeck seine Plakate und Postkarten veröffentlichte mit der Aussage „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen.“

Ich selbst habe zum Beispiel bis ’65 im Unterschied zur linken Kritik an Springers idiotischer Maxime „Immer daran denken“, seit so und so viel Tagen ist Deutschland geteilt, affirmativ gekontert, indem ich sagte: Der Springer hat recht, deshalb richten wir unsere Wohnzimmer jetzt alle im Sinne der Springerschen Forderung ein. Wir teilen alle unsere Sitze, Tassen und Teller, Bananen, was immer in dem Zimmer vorkommt, in zwei Teile durch das Einziehen einer Mauer aus Stacheldraht.

Die Kampagne kollektiver Selbstanzeige im Kampf gegen die Abtreibung war eine erfolgreiche Anwendung der Strategie der Affirmation. Die Kampagnen [wie] „Dienst nach Vorschrift“ sind solche erfolgreiche Kampagnen. Dennoch, im Bewusstsein der Kritik, vor allem im Kunstbereich, ist die Strategie der Affirmation immer noch nicht verankert. Ich habe seit 16 Jahren versucht dieses Konzept auch theoretisch durchzuarbeiten – ohne großen Erfolg, obwohl ich mich glaubte dabei auf gute philosophische Traditionen berufen zu können, zum Beispiel auf Bacons Maxime „Natura non nisi parendo vincitur“, was ja zu Deutsch die Marxsche Sentenz ergibt: „Man muß diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, daß man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt.“

Die Strategie der Affirmation ist im Bewusstsein vor allem der Kritik im Kulturbereich nicht populär, obwohl einer ihrer bedeutendsten Verfechter sogar sehr volkstümlich wurde, nämlich der deutsche Philosoph Till Eulenspiegel, denn man sorgte ja allseits gleich dafür, dass Eulenspiegels strategische Affirmation, ihre Anwendungen nicht nachgeahmt werden konnten, nachdem man ihn zu einer Witzfigur verharmloste. Bis heute ist es ja noch sehr beliebt, Künstlern, die diese Strategie anwenden, den Vorwurf hofnärrischer Klamaukmacherei entgegenzuschleudern. Aber nicht nur das Volk, auch die hohen Herrschaften des Geistes, selbst wenn sie über Schwejk, einen anderen Meister der affirmativen Strategie, durchaus glauben schmunzeln zu können, auch diese hohen Herrschaften des Geistes haben ihre Schwierigkeiten, ihre Probleme mit der Affirmation. Hatten sie Eulenspiegel noch als bloßen Narr stigmatisieren können, so glaubten sie seinen bedeutendsten Nachfolger Friedrich Nietzsche zum Übermenschen erheben zu müssen, wodurch natürlich Nietzsches Aussagen – die berühmten Dikta „Gott ist tot“, „Der Wille zur Macht beherrscht die Menschen“, „Alles Schwache und Kranke muss vernichtet werden, damit die Zukunft den Herrenmenschen gehört“ etc. – natürlich zu reinem Schwachsinn wurden. Nietzsche hatte das affirmativ gemeint. Er sagte, das bürgerliche Bewusstsein, obwohl es etwas ganz anderes vorgibt, ist längst beherrscht von der Tatsache, dass Gott tot ist; dass der Wille zur Macht die Menschen regiert; dass Schwaches und Krankes vernichtet wird, damit sich diese Bürger als Herrenmenschen aufführen können. Es war nicht sein Bekenntnis, sondern es war seine Radikalisierung des Selbstbewusstseins der Bürger, um sie dazu zu zwingen, sich nicht weiterhin unter dem falschen Schein humanitärer christlicher Gesinnung verstehen zu lassen.

  • Gespräch mit Bazon Brock 1980

siehe auch: