Yadegar Asisi: CAROLAS GARTEN

Die Rückkehr ins Paradies (Ausstellung)

Yadegar Asisi: CAROLAS GARTEN | Panorama im Panometer Leipzig, 2019.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Das Panorama führt auf eine Reise in die Welt des Mikrokosmos. Vom Stempel inmitten des Blütenkelches einer Kamille erschließt sich die Szenerie eines deutschen Gartens. Aus Sicht eines Pollenkorns beobachten die Besucher eine gigantische Biene beim Bestäuben der Blüte und entdecken den Kosmos hinter dem Tellerrand des Blütenkelches – den Garten. Wie durch ein gigantisches Mikroskop eröffnet sich eine bisher vertraute Welt völlig neu. Anders als im Labor befindet man sich indes inmitten der hundertfach vergrößerten Welt und ist von ihr rundherum umgeben.

In der faszinierend-fremdartigen Szenerie bestechen die Anlage, Formationen und Strukturen der gigantischen Blütenblätter und Staubgefäße sowie der riesigen Insekten und anderer Gartenbewohner. Was sich offenbart, relativiert die Sicht auf die Welt und lässt die einzigartige Vielfalt des Lebens in neuem Licht erscheinen.

Asisis Riesenrundgemälde CAROLAS GARTEN eröffnet eine Reihe, die sich dem Spektrum der Wahrnehmung der Welt widmet und neue Perspektiven und ungeahnte Universen aufdeckt. Ein Garten am Stadtrand von Leipzig stand für die Szenerie Pate. Mit Hilfe des Nanofotografen Stefan Diller und des Biologen Mirko Wölfling hat sich Yadegar Asisi diese Welt erschlossen. Erstmals kamen völlig neue Techniken zum Einsatz: unter anderem Nanofotografie, Makrofotografie, Technik eines Raster-Elektronenmikroskops sowie Foto-Stacking, um Aufnahmen mit großer Schärfentiefe zu bekommen.

Anmeldung zur Eröffnung bis 14.01.2019 an: marie.rosenloecher@panometer.de

Ausstellung:

Mo – Fr geöffnet von 10 – 17 Uhr
Sa, So, Feiertage geöffnet von 10 – 18 Uhr

Tickets 4 – 11,50 Euro

Eröffnungsvortrag: Eine Rückkehr ins Paradies

Für Menschen aller Kulturen aller Zeiten waren und sind Gärten die Orte beseelter Erinnerung an das Gelingen des Lebens in Frieden und Glück. Denn sie empfinden ihren jeweiligen aktuellen Zustand als unzureichend gegenüber dem Wünschenswerten.

In vielen Varianten wird seit Urzeiten erzählt, warum die Menschen aus den Paradiesen des Friedens und des Glücks vertrieben wurden: durch Strafen der Götter und Dämonen wie Naturkatastrophen oder durch soziale Konflikte und Kriege.

In den Gärten wird die Erinnerung an das verlorene Paradies wachgehalten. Das galt für die Hängenden Gärten der Königin von Saba, für die grünen Oasen in der Wüste, für die Klostergärten, für die Schlossparks und gilt erst recht heute für Schrebergärten und Grünflächen in Millionenstädten oder für die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land.

Seit Dürer beispielhaft seine Kunst für die Darstellung eines banalen Rasenstücks verwendete, wurde die Natur von Malern und Gärtnern zur Landschaft geformt. Von der Sehnsucht nach diesen beseelten Landschaften leben heute ganze Industrien.

Der die Welt durchwandernde Mensch bleibt ein hortulanus, ein Gärtner, Gärtner selbst in der Netzkultur. Seine geradezu magische Kraft („grüner Daumen“) beweist sich in der Fähigkeit zur Nahsicht auf und Einfühlung in die kleinsten Formen des Lebens.

Yadegar Asisi überträgt Dürers Verfahren der Nahansicht eines kleinen Stückchens Rasen auf alle Lebensformen in einem Garten. Das gab es bisher nur in der Literatur, z.B. als Erzählung über die fantastischen Reisen Gullivers oder des Däumlings, und in filmischen special effects. Asisi legt uns nahe, den Gedanken der Mitgeschöpflichkeit auch auf unsere Beziehung zu den sonst kaum sichtbaren Formen des Lebens zu erweitern. So erschließt uns der Künstler als Archäologe der Kulturen auch historisch weit zurückliegende Weltsichten wie die der europäischen Mystiker oder des indischen Hinduismus.

Der Garten als Arche Noah
Gute Gärtner sind Rebellen gegen die Verarmung

Täglich verschwinden Dutzende von Arten. Pflanzen- und Tiergifte und Manipulationen der Vererbung scheinen zwar der wirtschaftlichen Nützlichkeit zu dienen; da aber Menschen das Zusammenspiel alles Lebendigen nicht durchschauen können, sind die Eingriffe in die Natur nicht mehr gefällige und freudige zweite Schöpfung, sondern leichtfertiges Herumspielen mit der Evolution.

Die Unterscheidung von Kraut und Unkraut, von Schädling und Nützling, von angenehm und ekelhaft, von Duft und Gestank ist nur noch leere Phrase.

Unsere Ästhetik, also die Bewertung von Wahrnehmung des Lebendigen und des Toten, muss sich ändern, denn die Menschen selbst sind ja Bestandteil der Naturevolution und eben nicht ihre Herren. Die angeblichen Herren der Naturbeherrschung haben hoffentlich gelernt, dass selbst die prächtigste „Titanic“ keine Arche Noah sein wird. Im besten Falle werden das die üppig wuchernden Bauerngärten mit Gewimmel und Geschlinge sein, inner- und außerhalb der botanischen und zoologischen Gärten. Dort geht das Herz noch auf und sucht Freude in jeder Jahreszeit oder, wie Paul Gerhardt in einem der bekanntesten Kirchenlieder bekennt:

„Schau an der schönen Gärten Zier,
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben ……
Ach, denk ich, bist du hier so schön
Und läßt du’s uns so lieblich gehn
Auf dieser armen Erden;
Was will doch wohl nach dieser Welt
Dort in dem reichen Himmelszelt
Und güldnen Schlosse werden!“

Das eben ist das Paradies.