Formen und Funktionen.

Konstruktives von Michael Mattern (= Kataloge der Museen in Schleswig-Holstein 48)

Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Albrecht Dürer

Natürlich hatte es seit unvordenklichen Zeiten auch im Lebensraum der Nürnberger immer schon Gräser und Blumen gegeben. Aber erst Dürers Fähigkeit, diesen floralen Weltbestand, z.B. als "Rasenstück", für bildwürdig zu halten, eröffnete neues Wissen über die hausnahe Vegetation, soweit sie nicht mehr nur als Nahrungsquelle diente. Für die Späteren waren Dürers Rasenstücke Formen des Wissens in Bildern und durch Bilder in Abhängigkeit von Dürers künstlerischer Individualität, d.h. seiner ganz besonderen Auffassung und Fähigkeit, seine Wahrnehmungen und Vorstellungen anderen gegenüber zu äußern.

Nachdem es Dürer gelungen war, auch das Kleinste des Nahbereichs bis in die Mikrowelt im Bilde zu würdigen, wandte er sich der größeren Welt bis an die Grenzen des Makrobereichs zu. Er stellte sich die Aufgabe, etwa eine Mittelgebirgsgegend, deren Oberfläche ebenfalls von der kleinteiligen Welt der Gräschen und Blümchen überzogen war, als Ganzes zu erfassen. Damit leistete er einen Beitrag zur Entwicklung der Vorstellung und des Bildes von Landschaft, der sich die Landschaftsmalerei ab 1600 besonders widmete.

Die Zeichnungen und Gemälde wurden zu Horizonten der im Bild vergegenwärtigten Vorstellung. Bildwürdig und wissensbildlich wurde der Horizont als unvermeidbare Begrenzung des Sichtfeldes – gleichgültig, ob ich den Blick scharf auf das Nächstliegende fokussiere oder auf das Fernste ausrichte.
Damit schuf Dürer aus seiner Sicht und mit seinen individuellen künstlerischen Ausdrucksformen eine später folgenreiche Form der Beziehung zwischen dem Kleinsten und dem Größten, der Mikro- und der Makrowelt.

Durch und im Bild konnte man die Analogie wissen, mit der wir von der Mikro- auf die Makro- und von der Makro- auf die Mikrowelt schließen. Man konnte damit zeigen, was man meinte, wenn man behauptete, es ginge im Kleinsten wie im Größten zu; oder wenn man auf die Gestaltanalogien hinwies, die zwischen der Wind- und Wasserformung von Sand am Strand oder in unvorstellbar großen Wüsten bestehen. Auch in den Sprachbildern Milchstraße oder Spiralnebel bringen sich diese Gestaltanalogien von Größtem und Kleinstem, von Fernstem und Nächstem anschaulich zur Geltung.

Das Denken in Analogien von Formen und Gestalten, von Strukturen und Funktionen führte zur Entwicklung des Wissensbildes "Modell", mit dem vornehmlich die Naturwissenschaften operieren.