Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände | Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Ankündigungsplakat zur Buchmesse 2008. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | DVD-Cover. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Außenseite aufgefaltet. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Innenseite Ausschnitt. Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58cm * 79cm eingeschlagen.

Seite im Original: 186

II.6 Musealisierung als Zivilisationsstrategie | Avantgarde - Arrièregarde - Retrogarde

Die Betonung des Neuen in allen Kunstavantgarden ist eine Herausforderung, die häufig durch Aggression, Leugnung oder Flucht des Publikums beantwortet wird. Professionalisierte Betrachter gehen vernünftiger vor. Wenn das Neue wirklich neu ist, ist es unbestimmt, also kann man von diesem unbekannten Neuen nur mit Bezug auf das bekannte Alte sprechen. Die gesamte Moderne ist in dieser Vergegenwärtigung von Vergangenheiten als höchst bedeutsame Erweiterung der gegenwärtigen Ressourcen extrem erfolgreich gewesen. Avantgarde verabschiedet sich nicht aus den Traditionen, sondern hält sie in immer neuer Sicht präsent. Musealisierung ist die Strategie des Fortschritts, vor allem der Zähmung des Mutwillens von Kulturkämpfern, Testosteronkriegern, Virilblutern und ihrer ideologischen Betreuer. Nur wenn die Zivilisierung jener Kulturbarbaren gelingt, besteht Aussicht auf Normalität.

Im Theoriegelände zeigen wir das behälterwissenschaftliche Objekt der Museumsvitrine. (1) Sie repräsentiert den Inbegriff der Museumsinstitution als Zivilisationsagentur und enthält eine ganze Reihe von eigenartigen Kunstprodukten und von Menschenhand gestalteten wie in der Natur vorkommenden Objekten. In kulturhistorischer Anbindung an die fürstlichen Kunst- und Wunderkammern ermöglicht die Vitrine Objektarrangements, die in einer Ordnung des Heterogenen allgemeines Interesse beanspruchende Wahrnehmungsanlässe bieten. (2) Die Fürsten errichteten diese Sammlungen von Kunst und Kuriositäten lange, bevor es Museen als ausgewiesene Institutionen gab. Unter den fürstlichen Schätzen befanden sich curiositates rerum naturae, also beispielsweise auffällige Steine, die aus Kamelmägen stammten, oder der Stoßzahn eines Narwals, den man als Einhorn interpretierte. Vor allem die Neugier erregen und die Phantasie beschäftigen sollten diese Objekte, so daß ihre Präsentation gleichsam zur Anleitung wurde, wie man sich eine Ordnung der Welt vorstellen könne; dieser Gedanke war zuvor schon in die Einrichtung der studioli eingegangen. Solch private Studierstuben und Gelehrtenzimmer, in denen der Fürst der Welt in Gestalt von Büchern und ausgezeichneten Kunstwerken begegnete, boten einen ganz und gar weltlichen Erschließungszusammenhang.

Auf der Ebene geistlicher Präsentationsformen taten sich die Reliquienkammern in den mittelalterlichen christlichen Zentren hervor. Die Reliquiensammlungen interessierten die Bevölkerung in erster Linie auf Grund der heilsgeschichtlich aufgeladenen Objekte, denen eine heilende Wirkung zugesprochen wurde. Reliquien waren äußerst kostbar und vor Dieben zu schützen. Da das Fingerknöchelchen eines Märtyrers nicht jedem in die Hand gegeben werden konnte, mußte es aus einem Abstand von ein paar Metern gezeigt werden. Die Reliquie war oft so winzig klein, daß sie kaum sichtbar war. Folglich mußte die Sichtbarkeit des Nicht-Sichtbaren sichergestellt werden. Aus der Notwendigkeit, die Knöchelchen, Splitter und Reste der Heiligen auf eine ansprechende Weise zu zeigen, entstand das phantastische Instrument der sogenannten Monstranz. Dieses sehr auffällig gestaltete Zeigegerät mit goldenem Strahlenkranz besitzt in der Mitte einen Behälter, der, mit optischen Vergrößerungsspiegeln versehen, etwas in Erscheinung treten läßt, was ohne technische Unterstützung weitestgehend unsichtbar bliebe; zugleich wird das in der Monstranz befindliche Objekt als Gezeigtes hervorgehoben. Mit der Monstranz wird uns die Geburtsstunde aller musealen Techniken im Zeigen des Zeigens vor Augen geführt. Je mehr sich die präsentierten Dinge der Sichtbarkeit entziehen, desto bedeutsamer wird das Zeigen des Zeigens, und damit rückt das Sehen und Betrachten selbst in den Mittelpunkt der Betrachtungen.


Beobachtung der Beobachtung

Im Museum sieht der Besucher, auf welche Weise etwas gezeigt wird. Zugleich beobachtet er dort Menschen, die selbst Artefakte betrachten. Er beobachtet also andere Besucher, die ihrerseits anderen Menschen zusehen, denen etwas dargeboten wird. In verschiedenen Kunstgattungen sind diese reflexiven Formen des Betrachtens besonders anschaulich gestaltet, so etwa in der im 18. Jahrhundert auf dem Höhepunkt stehenden Veduten-Malerei. Bei Veduten (italienisch veduta, „Ansicht“, „Aussicht“; aus dem lat. vedere, „sehen“) handelt es sich zumeist um Stadtansichten. So vermittelt uns ein Maler wie Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, beispielsweise im Blick durch ein geöffnetes Fenster, Ansichten von venezianischen Stadtlandschaften, auf denen der Betrachter dem Treiben einer munteren Bevölkerung auf Straßen und Plätzen zusieht. Die im Bild Dargestellten schauen sich nach anderen Menschen um, die ihrerseits die Kulisse Venedigs betrachten; unter ihnen sind einzelne Gestalten anzutreffen, die den Bildbetrachter zu fixieren scheinen.

Wenn, wie in dieser für die Veduten charakteristischen Zusammenstellung, Menschen andere Menschen bei der Betrachtung beobachten, so spricht man von Beobachtung zweiter Ordnung. Die Beobachtung der Beobachter ist ein reflexives Grundphänomen, das uns heute in den modernen Wissenschaften der Soziologie, der Psychologie und der Erkenntnistheorie allenthalben begegnet. Im Wesentlichen thematisiert die Vedute Wahrnehmung als reflexives Sehen. Wer sich zu dieser reflexiven Anstrengung nicht bereit findet, kann zwar immer noch Gemälde betrachten, wird allerdings nichts erkennen, also nichts der Betrachtung anheimstellen können. (3)

Der einzige Weg zur sinnvollen Betrachtung führt über die Theorie. Der griechische Begriff Theorie bedeutet, eine sinnfällige Betrachtung über das vor Augen Stehende anzustellen. Als vor 2.500 Jahren die Zuschauer in den Rängen eines Theaters saßen und dem Tragödiengeschehen auf dem Proszenium folgten, betrieben sie nichts anderes als Theorie. (4) Indem sie Verständnis für das präsentierte Ereignis entwickelten, es also in einen Bezug zu sich selbst brachten, erschlossen sie sich reflexiv das theatralisch dargestellte Gefüge.


Sein heißt wahrgenommen werden

Seit den 1710er Jahren wurde mit den englischen Parks ein mustergültiger Raum der anschaulichen Verknüpfung von Menschen und Artefakten wie der Natur zu einem idealen gesellschaftlichen Gefüge geschaffen. Der englische Garten als Hege sozialer Bindungsfähigkeit jenseits von kulturellen Zugehörigkeiten wie Religion, Ethnie oder Familie diente zur Optimierung der zukunftsorientierten Lebensanstrengungen einer menschlichen Gemeinschaft. Zur Idee des englischen Landschaftsgartens gehörte das Bewußtsein eines durch den Park aufbereiteten Weltmodells. Diese öffentlich betriebene Theoriebildung, das heißt, Entwicklung der Zusammenhänge durch das Fügen von Konstellationen, nahm bereits den Gedanken eines Präsentationsraumes vorweg, der nicht als showroom, sondern als Erkenntnisraum verstanden wurde. Ähnlich wie bei der Kunstgattung der Vedute war im Englischen Garten die Bereitschaft leitend, etwas durch die Beobachtung der Betrachter zu lernen, deren Umgang mit den Objekten mitzuerleben, also zu erfahren, welche Schlußfolgerungen andere Betrachter aus ihrer Wahrnehmung ableiten.

Heutzutage kann das jeder Galeriebesucher nachvollziehen. Für gewöhnlich geht man nicht zur Eröffnung einer Kunstausstellung, um Bilder zu betrachten, sondern um die Besucher zu betrachten, die zwar Bilder anschauen wollen, zugleich aber durch ihre zahlreiche und zumindest körperliche Anwesenheit die Betrachtung der Bilder verhindern. Bei einer Vernissage steht also nicht das Betrachten der Bilder im Vordergrund, sondern ein Sich-zur-Schau-Stellen. Den Effekt des Sich-Präsentierens als lächerliche Mode abzuqualifizieren, ist wenig ratsam; man würde die Tatsache übersehen, daß soziales Dasein immer schon vom Wahrgenommen-Werden durch andere bestimmt ist. >>Sein heißt wahrgenommen werden, oder, auf Lateinisch, esse est percipi. Für den Anderen ist man nur in dem Maße bedeutsam, wie man ihm Anlaß bietet, sich in einen Bezug zur eigenen Person zu setzen. Was mit dem Begriff des Netzwerkens zur Sprache kommt, ist dieses sich ständig wechselseitige Einbringen in die Wahrnehmung anderer, das die Bestätigung für die eigene Anwesenheit darstellen soll. (5)

Das Zeigen des Zeigens, das Lernen des Lernens und das Wissen des Wissens sind diejenigen Formen der Erkenntnisstiftung, die im Museum betrieben werden können. Jedermann weiß, daß die Beziehungen und Bekanntschaften unter Menschen besonderes Interesse beanspruchen, wenn Selbstbezüglichkeit ins Spiel kommt. Reflexivität ist das Stichwort für die gesamte moderne Entwicklung, die der Soziologe Ulrich Beck als „Reflexive Moderne“ charakterisiert hat.

Um unseren Besuchern Selbstbezüglichkeit vor Augen zu führen, verweise ich auf ein ausgezeichnetes theoretisches Objekt, das aus einem Paar Bürsten besteht. Eine Bürste wird für gewöhnlich verwendet, um Kleidung, Schuhe oder Haare zu bürsten. Dabei entfernt die Bürste den Schmutz von einer Oberfläche, indes sie selbst beschmutzt wird. Ein Teil des Schmutzes wird durch Zerstäubung in die Umwelt entsorgt, der Rest bleibt in der Bürste hängen; also wird die Bürste durch ihre sinngemäße Anwendung selbst schmutzig. Wendet man das Prinzip des Bürstens auf die Bürste selbst an, wird sie wieder sauber. Durch das instinktiv richtige Bürsten der schmutzigen Bürste entfaltet sich das Geheimnis der Reflexivität. Unser kleines Bürstenpaar mag man sich an die Garderobe hängen, damit man sich jederzeit darüber verständigen kann, wie der häusliche Alltag als Philosophenschule Orientierung bietet. Zu Hause bewährt sich das Zauberwort der Moderne – Reflexivität: Im Bürsten der schmutzigen Bürsten zeigt sich täglich reinigende Selbstbezüglichkeit.


Das Museum als Zivilisationsagentur Europas

Das Museum als Institution entsteht aus einem Ansatz der französischen Revolutionäre, die dem gemeinen Volk die im Louvre untergebrachte Schausammlung König Ludwigs XVI. zugänglich machen wollten. Nachdem Napoleon das Regime übernommen hatte, wurde einer interessierten Öffentlichkeit Zugang zu Instrumenten des Erkenntnisgewinns gewährt. Die Sammlung galt nicht mehr als Teil des Palastes und damit auch nicht mehr als königliches Eigentum, sondern ging in öffentlichen Besitz über.

In Deutschland entstand im Zuge der Aufklärung des 18. Jahrhunderts das (später für die documenta genutzte) Fridericianum in Kassel als erster Museumsbau auf dem Kontinent. 1779 fertiggestellt, beherbergte es zunächst noch keine museale Sammlung, sondern war eine Ausweitung der fürstlichen Kunst- und Wunderkammern. Erst ab 1820 wurde die Institution Museum förmlich entwickelt, nachdem kurz vorher der erste Lehrstuhl für Kunstgeschichte eingerichtet worden war. Zuvor wurden die Probleme der Wahrnehmung und Urteilsbildung nur von Ästhetikern und Philosophen behandelt. Ästhetik als philosophische Disziplin war um 1800 mit der Frage beschäftigt, wie die Gegebenheiten in der Außenwelt mit den Vorgängen in menschlichen Gehirnen zusammenhängen. (6)

Alle Erkenntnis besteht im Grunde in nichts anderem als der Problematisierung von Hypothesen und dem Gebrauch, den wir von ihnen machen. Solche Überlegungen sind in die europäische Institution des Museums aufgenommen worden und ließen es zu einer Zivilisationsagentur ersten Ranges werden, die bis auf den heutigen Tag in der Welt ihresgleichen sucht. Als jüngste Ausweitung solcher Bedeutung kann die von Bazon Brock, Peter Sloterdijk und Peter Weibel im Rahmen des Lustmarschs entwickelte Initiative zur Zivilisierung der Kulturen durch die Kraft der Musealisierung vom 24. November 2007 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe gelten: Gerade im Museum kann man mit erarbeiteten Kriterien des Unterscheidens die spezifischen Leistungen der Kulturen in aller Ruhe würdigen, ohne die Gefahr, zu einem Bekenntnis der Loyalität mit der einen gegen die andere Kultur gepreßt zu werden. In keiner einzelnen Kultur, auch in den westlichen nicht, wurden die Leistungen anderer Kulturen derart anerkannt, wie in den Museen als Agenturen einer universalen Zivilisation. Wenn Kulturkämpfer vor allem Respekt, ja Anerkennung der Hervorbringungen ihrer kulturellen Gemeinschaft erzwingen wollen, dann wird diesem Verlangen nirgends derart entsprochen wie in den Museen. Deshalb besteht die Hoffnung, durch immer differenziertere und umfassendere Musealisierung aller Kulturen der Welt zur Pazifizierung durch Anerkennung beizutragen und Zivilisierung durch Befähigung zur Verantwortung für die gesamte Menschheit, anstatt bloß für die eigene Kulturgemeinschaft zu befördern.

Eine der beispielhaften Formen solcher Zivilisierung durch Musealisierung bot der türkische Staatspräsident Mustafa Kemal Pascha, dem im Jahre 1934 der Ehrentitel „Atatürk“ („Vater der Türken“) verliehen wurde. Am 24. November 1934 hat er per Dekret den schwelenden Kampf zwischen muslimischen Kulturalisten und westlichen Säkularisten dadurch zu entschärfen versucht, daß er eine der imposantesten und bedeutendsten Moscheen des Islam in ein Museum verwandelte. Die Großartigkeit von Atatürks Leistung wird erfahrbar, sobald man weiß, daß die zum Museum umgewandelte Moschee ursprünglich als Hagia Sophia, von Kaiser Justinian in den 530er Jahren gestiftet, der machtvollste Ausdruck des oströmischen Cäsaropapismus gewesen ist, also eine nahezu singuläre Einheit von weltlicher und geistlicher Herrschaft, von Königreich und Gottesreich in der Berufung auf die christliche Trinität darstellte.

Mit dem Musealisierungsdekret wurde auch die weltgeschichtliche Einheit der menschlichen Lebensräume am Bosporus programmatisch in Erinnerung gerufen. Denn das historische Byzanz/Konstantinopel ist nach Atatürks Meinung 1453 durch die türkisch-islamische Eroberung nicht vernichtet, sondern an die Gegenwart vermittelt worden. Damit zeigte Atatürk, daß die Musealisierung als Vergegenwärtigung der Vergangenheiten ihr Ziel erreicht: Das Bewußtsein des Zusammenhangs von Entstehen und Vergehen der Kulturen, wie Großartiges sie auch immer geleistet haben. Die menschheitsgeschichtliche Bedeutung erhält der Kulturraum Bosporus gerade durch die unmittelbare Gegenwart hethitischer, hellenistischer, byzantinisch-oströmischer und osmanischer Kulturentfaltung. Sich gleichermaßen als Lebender auf alle diese Ausdrucksformen der menschlichen Gemeinschaften anerkennend, dankbar und herausgefordert beziehen zu können, begründet das Selbstbewußtsein eines über seine kulturelle Prägung hinaus zivilisierten Menschen, den wir in Kemal Atatürk ehren.

Avantgarde – Arrièregarde – Retrograde

Die wachsende Zahl von Museen, nicht nur im alten Westen, sondern inzwischen weltweit, dürfte uns vor Augen führen, daß die Repräsentation von Geschichte dem Ideal der gleichzeitigen Vergegenwärtigung einer Vielzahl von Vergangenheiten immer näher kommt. Die Museen sichern die Vergangenheiten als Bestandteil der Gegenwart. Sie trainieren mit ihren pädagogischen Diensten unsere Fähigkeit, historische Artefakte mit Gründen wertzuschätzen, die aus ihrer Unterscheidbarkeit abgeleitet werden, und sie leiten zu einer gesellschaftlichen Akzeptanz solcher Wertschätzung an.

Einen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der Fähigkeit der Zeitgenossen, den Dingen der Welt Bedeutung durch Unterscheiden zu verleihen, haben die Avantgarden der Moderne geleistet. Sie haben sich als Vorhut und Vorauskundschafter der Zukunft in einem nicht erwartbaren Maße als Vertreter der Toten und deren Geschichte bewährt. Den Avantgardisten des 20. Jahrhunderts gelang es, neuartige Repräsentationen der Vergangenheiten als Wirkungspotential in der Gegenwart zu schaffen. Denn Traditionen wirken nicht aus der Vergangenheit ewig fort; sie verlieren ihre Wirkung gerade durch ihre selbstverständliche Geltung. Diese Vertrautheit stumpft die Aufmerksamkeit ab, die überkommenen Wahrnehmungs- und Urteilsmuster werden gleichgültig, weil sie niemanden mehr zu Rechtfertigungen zwingen. Gegen diesen Verschleiß durch Gewöhnung entdeckte die Moderne insgesamt eine umfassende Orientierung auf das Neue. Der Vorwurf, die Avantgarden wollten mit aller Gewalt das Neue um der Neuigkeit willen erzwingen und sich so von den Traditionen absetzen, läuft ins Leere. Wenn etwas tatsächlich neu ist, bleibt es zunächst unbestimmt, sonst wäre es ja nicht neu. Auf die Zumutungen des Neuen reagieren Menschen entweder durch Leugnung oder durch Zerstörung oder mit der Einsicht, daß man über das unbestimmte Neue tatsächlich nur mit Bezug auf das Alte zu reden vermag. Gerade der Druck des Neuen erzeugt so eine neue Sicht auf tradierte Artefakte, Weltbilder, kulturelle Überzeugungen, die durch ihre Selbstverständlichkeit uninteressant geworden waren.

Für den Anspruch der Avantgardisten, etwas völlig Neues in die Welt gebracht zu haben, gibt es ein entscheidendes Kriterium der Bewertung: Avantgarde ist nur, was uns veranlaßt, die anscheinend bis ins Letzte bekannten Traditionen und ihre Bestände mit neuen Augen zu sehen. Nach diesem Kriterium bewährten sich zum Beispiel die Dresdner Brücke-Maler, ab 1911 allgemein deutsche Expressionisten genannt, weil sie ein völlig neues Interesse an dem seit seinem Tode 1614 ganz und gar vergessenen spanischen Maler El Greco weckten – bis hin zu dem überraschenden Eindruck, El Greco sei geradezu ein Zeitgenosse der Expressionisten.

Der Wiener Architektur-Avantgardist Adolf Loos verschreckte seine Zeitgenossen mit dem Konzept der nackten weißen Wand derartig, daß sie sich schleunigst auf die bewährte Architekturgeschichte zurückzogen, mit der überraschenden Entdeckung, bereits bei den Großmeistern Palladio und Brunelleschi habe es im 16. und 15. Jahrhundert Problemstellungen gegeben, die vermeintlich erst der Neuheitsfimmel des Adolf Loos mutwillig in die Welt gesetzt hatte.

Dem Schweizer Avantgardisten Alberto Giacometti und seinen zunächst für aberwitzig gehaltenen Abweichungen vom herkömmlichen Verständnis des skulpturalen und plastischen Gestaltens verdanken wir eine völlig neue Sicht auf die kykladischen Skulpturen des zweiten vorchristlichen Jahrtausends. Der Weg zu solchen überraschenden Neubewertungen durch neue Sicht auf vermeintlich bestens bekannte Bestände der Vergangenheiten wird durch das zunächst vage Erkennen und Erproben von Gestaltanalogien zwischen avantgardistischen und traditionellen Artefakten eröffnet. Unzählige solcher Wege zeigten uns die wahren Avantgardisten des 20. Jahrhunderts, so daß die aktuellen Vergegenwärtigungen von Kulturen aller Zeiten und Breiten dazu zwangen, in immer kürzeren Abständen weitere Museen zu erbauen, in denen uns kostbare Ressourcen für die Bewältigung von Herausforderungen der Zukünfte zur Verfügung stehen.

Also: Ohne Avantgarden gibt es keine gegenwärtig wirksamen Traditionen. Traditionen sind immer erneut von jeweiligen Gegenwarten aus zu stiften – vornehmlich unter dem Druck des Neuen.

Im Unterschied zu epigonalen Traditionalisten und konservativen Traditionsverfechtern entwickeln Avantgardisten neue Vergangenheiten unserer Gegenwart. „Utopische Vergangenheiten“ (Nikolaus Himmelmann) verdanken wir Künstlern wie A. R. Penck und Daniel Spoerri, die in einer Art von „experimenteller Geschichtsschreibung“ den Zusammenhang von Kulten und Artefakten in Objekten realisierten. (7)

Eine weitere Klasse von Avantgardisten hebe ich hervor, deren erklärtes Ziel es ist, gewisse absehbare Zukünfte zu verhindern. Durch spekulative Vorwegnahme potentieller Zukünfte ergibt sich ein Avantgardismus der Verweigerung, der als zu verfechtende Position die größte Überzeugungskraft und das gewaltigste Durchhaltevermögen verlangt. Künstler, die den apokalyptisch stimmenden Zukunftsannahmen und den aussichtslos wirkenden Entwicklungen Widerstand entgegensetzen, nennen wir Arrièregardisten. Die Vertreter der Arrièregarde arbeiten mit dem Angebot eschatologischer Behauptungen und konfrontieren sie in der Gegenwart mit zukünftigen Vergangenheiten. Das ist einfacher, als es klingt, weil man ja unsere Vergangenheiten als ehemalige Zukünfte beschreiben kann und unsere Gegenwart als Vergangenheit von morgen zu betrachten vermag. Zukunft nennen wir dann den Vorstellungsraum, in dem das Wechselspiel der Zeitformen phantasievoll, das heißt mit dem Ziel möglichst vieler Optionen in Gang gesetzt wird.

Diese Avantgarde der offenen Rückbeziehung von Zukunft auf Gegenwart und Vergangenheit nennt unser Freund und Kollege Adi Hoesle „Retrograde“. Ihr wesentliches methodisches Vorgehen ist der Rückbau zur Eröffnung von Alternativen, die man entweder ursprünglich nicht gesehen hatte oder unter von der Zukunft her unzutreffenden Annahmen nicht glaubte wählen zu können. (8)


Konstellationen bilden auf Fuge und Unfug

Bereits antike Philosophen fragten sich, wie auf das Abwesende verwiesen werden könne und wie man zu klären vermöchte, ob das begrifflich Faßbare auch tatsächlich irgendwo auf Erden anzutreffen sei. Diese Frage wird mit Leidenschaft im mittelalterlichen Universalienstreit erörtert: Ist der Begriff der Röte auf gleiche Weise real gegeben wie die Eigenschaft „rot-sein“ von verschiedenen Dingen, beispielsweise (rubin-)roten Gläsern, rotgefärbter Wolle und rot gestrichenen Wänden? Wer behauptete, daß die durch Substantivierung von Eigenschaften gebildeten Begriffe (Universalia) genauso real gegeben seien wie die Dinge mit ihren Eigenschaften, wurde Realist genannt. Wer hingegen sich gezwungen sah anzunehmen, daß derartige Begriffe nur Namen für jeweils eine Klasse von Eigenschaften zu deren Unterscheidung seien, galt als Nominalist. Also: Sind Universalia Realia oder bloße Nomina? Die Antwort lautet: teils teils.

Es ging ja nicht um einen abgehobenen Budenzauber von Philosophen und Theologen, sondern um handfeste Alltagsfragen oder um das noch bedeutendere menschliche Streben nach ewiger Seligkeit – heute geht es wohl eher um die Verpflichtung auf Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit oder die Unantastbarkeit menschlicher Würde im Lebensalltag wie im Verfassungssonntag. Bei aller zugestandenen Begriffsgläubigkeit wird selbst jeder Deutsche darauf bestehen, daß das politische Bemühen um gerechte Verteilung von Gütern, um Gleichbehandlung aller vor dem Gesetz und um die Chance, sein Leben selbst zu bestimmen, auf jeweils konkrete Menschen in konkreten Lebenssituationen gerichtet sein muß und nicht etwa mit dem Verfassen noch so großartiger Texte über Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit erledigt werden kann. Insofern ist der Nominalismus verpflichtend. Andererseits können wir die konkreten Gegebenheiten, etwa als Dinge und ihre Eigenschaften, Tiere und ihre Bedürfnisse, Pflanzen und ihre Lebensbedingungen oder Menschen und ihr Vermögen, Sinn zu stiften, nicht ohne Rückgriff auf Universalien beurteilen – nicht ohne begriffliche Differenzierung zwischen Wesen und Erscheinung oder Attribut und Substanz oder Potentialität und Aktualität, das heißt ohne die Genese des aktuell vor Augen Stehenden.

Dazu werden wir durch die spezifische Bereitstellung unserer geistigen Fähigkeiten in der Evolution des Gehirns genötigt. Seine phantastischen Leistungen erwarb unser „Weltbildorgan“ (Konrad Lorenz) zu einem Teil durch die Herausforderung, im Laufe der Stammesgeschichte die Überlebensfähigkeit seines Trägerorganismus‘ immer besser zu sichern. Es galt, die konkreten Probleme der Umwelt zu bewältigen. Insofern operieren wir mit unseren geistigen Fähigkeiten als Nominalisten. Zum anderen Teil entstanden die phantastischen Leistungen unseres Weltbildapparats durch Rückbeziehung seiner erworbenen Optimierungsstrategien auf sich selbst. Das gelang vornehmlich durch die Fähigkeit, den Umgang mit der Virtualität, mit der Abwesenheit, mit der Unsichtbarkeit genauso zu entwickeln wie in der bewährten Konfrontation mit dem Realen, Anwesenden und sinnlich Wahrnehmbaren. So weit das Virtuelle oder auch das Potentielle nur im Begriff vergegenwärtigt werden konnte und nicht im zeigenden Verweis auf etwas Gegebenes, sind wir Begriffsrealisten. Der Universalienstreit ist also nicht durch die Entscheidung für die eine oder andere Seite beendbar; es gilt vielmehr zu erkennen, in welches Verhältnis Nominalismus und Realismus angesichts konkreter Herausforderungen zur Bewältigung der Lebensanstrengungen gesetzt werden sollten.

Im Theoriegelände wie generell in Darstellungs- und Untersuchungsanlagen zur Bewertung von Behauptungen über die Welt werden die Studienobjekte in Konstellationen eingefügt, die unter anderem durch die Verhältnisse von nominalistischem und realistischem Begriffsgebrauch bestimmt werden wie auch von gestalterischen Ordnungsprinzipien, genannt Hänge- oder Präsentationslehren, von Differenz stiftenden Gestaltanalogien und ähnlichem. Ziel dieser Bildung von Konstellationen ist es, Sinnfälligkeit, Evidenz zu schaffen, aber mit der Absicht, daß jeder, dem etwas einleuchtet oder als evident erscheint, weiß, wie leicht er sich täuschen kann. Also muß jedes Evidenzerleben aus der Erfahrung der Täuschbarkeit kritisiert werden. Das kann nicht nur virtuell als geistige Operation geschehen, sondern die Evidenzkritik muß auf den Evidenzerweis zurückwirken. Evidenzkritik kommt nur zum Ziel in der Schaffung neuer Evidenz. Dieses Vorgehen begründete die bis dato nicht bekannten Leistungen von Künsten und Wissenschaften mit der Entwicklung von Meßgeräten als Evidenzerzeugern nach der Kritik des heiklen menschlichen Augenscheins. Die Künstler schufen Repräsentationsformen der Differenz von Wahrnehmung und Denken, also von Sinnfälligkeit und Kritik, (also von nominalistischem oder realistischem Begriffsgebrauch, von Virtualität und Realität oder von Aktualität und Potentialität).

Wir wollen kurz auf einige Konstellationen im Theoriegelände eingehen, zum Beispiel im Verweis auf die museumsüblichen Vitrinen, in denen die angestrebten Gefüge von Evidenzerzeugung durch Evidenzkritik dem Publikum präsentiert werden. (9) Sie sind der eine Teil der Konstellation als Monstranz, als eine Möglichkeit zu zeigen, daß etwas gezeigt wird. Soweit das Publikum auf solches Zeigen des Zeigens, auf solche Monstranzen reagiert, bildet es die andere Seite der Konstellation als Demonstranz. Es bekennt durch sein Interesse, durch seine Fragen, durch seine Kritik die Bedeutung der Konstellation für das Selbstverständnis der Museumsbesucher als Rezipienten oder im weiteren der Konsumenten, Patienten, Wähler.

Seit dem action teaching „Zeig dein liebstes Gut!“ im IDZ und Berlins Straßen 1977 versuchte ich eine ganze Reihe von Konstellationen als Einheit von Monstranz und Demonstranz aufzubauen.


„Vergleiche Dich! Erkenne, was Du bist!“ (10)

Unsere Vitrine konfrontiert eine Skulptur des hellenistischen Künstlers Skopas (die Göttin der Medizin Hygieia, ca. 320 v. Chr.), mit einer kubo-expressionistischen Bronzeskulptur von William Wauer, die den Rezitator Rudolf Blümner darstellt (1918); diese wiederum wird mit einer afrikanischen Ritualmaske in Beziehung gesetzt. Solche Modelle der Konstellationsbildung sind weltweit gängiger Standard in Museen, seitdem sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, daß der Wert der Artefakte tatsächlich ausschließlich durch den wechselseitigen Vergleich festzustellen ist. Alle Kulturgüter werden nach Kriterien beurteilt, die auf ihrer Verschiedenheit beruhen. Will man eine Kultur kennenlernen, so ist man gezwungen, aus dem Vergleich mit anderen Kulturen die entsprechenden Kriterien der Bewertung zu entwickeln. Wenn der Louvre in unmittelbarer räumlicher Nähe griechische und afrikanische Plastiken präsentiert und parallel dazu an die römischen, die etruskischen, die ägyptischen Leistungen der Skulptur erinnert, wird ganz auf Erkenntnis durch Vergleich abgehoben. Denn gerade die Verschiedenheit der Kulturen macht ihren je spezifischen Wert aus. Um unterschiedliche Kulturen durch Vergleich beurteilen zu können, muß das Verständnis von kultureller Produktion insgesamt zu einer Art von Konstellation werden, die vergegenwärtigt, was Menschen als Produzenten von Artefakten und Sozialkörpern geistig wie materiell leisten können. Das Denken in Konstellationen macht also Kriterien der Unterscheidung als Kriterien des Vergleichs anschaulich. Das entspricht einem alten Grundsatz der Philosophie, demzufolge die Dinge sich im Blick auf ihre Gleichheit unterscheiden lassen und durch ihre Unterschiedenheit vergleichbar sind. Wie nötig wir auch heute noch die Erinnerung an diesen Grundsatz haben, beweist die tägliche Ermahnung, man könne doch nicht Äpfel und Birnen oder die Wirkungsfolgen Hitlers mit denen von Stalin und Mao vergleichen. Erst durch den Vergleich ließe sich ja gewährleisten, zwischen den angeblich unvergleichlichen Dingen zu unterscheiden; offenbar fürchtet man den Vergleich als Gleichsetzung. Aber jeder Vergleich erfüllt sich ja erst in der Unterscheidung, wenn auch jede Unterscheidung Gleichheit, nämlich der Fragen an die in Beziehung gesetzten Sachverhalte, voraussetzt.

Indem man Konstellationen aufbaut, die mit einem bestimmten Übersetzungsmechanismus (z.B. der Gestaltanalogie) verbunden sind, nähert man sich dem an, was gewöhnlich Metapher genannt wird. Metaphorisierung ist eine Übertragung aus einem geistigen in einen anschaulichen Bereich, aus einer Anschauung in einen Verhaltensbereich und aus diesem wiederum in einen psychischen Bereich. Metaphorisierung bezeichnet also das ständige Wechseln der Bezugsebenen. (11) Die wichtigste aller sprachlich-gedanklichen Operationen ist die Übertragung aus einem Status in einen anderen, aus einer Zeitform in eine andere, aus der Mikrosphäre in die Makrosphäre oder eben aus einer Kultur in die andere. Metaphorisierung ermöglicht uns, die strukturellen Analogien und funktionalen Äquivalenzen zwischen beiden Sphären zu erkennen (Niklas Luhmann).

Eine der in unserer Museumsvitrine angesprochenen Konstellationen lesen wir als Metapher für eine Reihe historischer Entwicklungen oder, wie es im Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts heißt, von „Bewegungen“. Mögen die präsentierten Gegenstände auf den ersten Blick noch so banal aussehen und zum Teil in jedem Kaufhaus erhältlich sein, sie evozieren doch in ihrer Zuordnung große historische Zusammenhänge. In einem Kompartment der Vitrine bilden drei banale Objekte aus bemaltem Ton oder Gips eine Konstellation zur Musealisierung von Kulturkämpfen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: ein Elefant, eine geballte Faust und eine Figurengruppe „Herr und Hund“. Bei hinreichendem Interesse lassen sich die Objekte anhand von Lexika der Ikonographie zum einen als Bismarck mit seiner Dogge identifizieren, zum anderen als die geballte Faust der seit der Bismarck-Zeit wirksamen Arbeiterbewegung und der Elefant als Schauattraktion in den zur selben Zeit entwickelten neuen Konzepten von Zoologischen Gärten, deren bedeutendstes vom legendären Karl Hagenbeck stammt.

Als Konstellation verstanden, heißt das also: Hagenbeck musealisierte die Natur durch den Aufbau seines Zookonzepts. August Bebel musealisierte zur gleichen Zeit die aggressive soziale Bewegung der Arbeiter durch Anschluß an die Partei der Sozialdemokraten. Und Bismarck musealisierte den Kulturkampf mit Rom wie die Machtkämpfe der europäischen Staaten durch Aufbau von komplexen Rückversicherungsverträgen. Er vergaß allerdings, der Öffentlichkeit mitzuteilen, wie die Verknüpfungskriterien lauteten – wozu jedes Museum seiner Bestimmung nach verpflichtet ist –, weshalb nach seiner Entlassung durch den Autokraten Wilhelm II. kaum jemand die von ihm geschaffene Konstellation durchschaute. Der Gründer des Zweiten Deutschen Reiches setzte in Reaktion auf die reformerische Bedrohung durch die Sozialdemokratie die Sozialgesetzgebung als innenpolitische Pazifizierungsstrategie durch. So gesehen, vertrat Bismarck die Musealisierung und damit die Zivilisierung der Politik, was sich ebenfalls im Verhältnis zu den europäischen Großmächten durch die Begünstigung einer „balance of powers“ ablesen läßt. In einem engmaschig gezogenen Netz vertraglicher Bindungen und Allianzen unter den auf imperialistische Durchsetzung drängenden Nationalstaaten sah er eine grundsätzliche Chance, wenn nicht zur Vermeidung, dann zumindest zur Zivilisierung kriegerischer Konflikte, die sich im Inneren der deutschen Nation als Kulturkampf abzeichneten. (12)

Auf die Bismarck-Zeit als kulturhistorisch wie zivilisationstheoretisch bedeutsame Zeit beziehen sich die drei Objekte der Konstellation in einer Art experimenteller Geschichtsschreibung. (13) Was Hagenbeck anbelangt, habe ich ein solches Experiment persönlich angestellt, indem ich 1963 den Frankfurter Zooleiter Grzimek, den ersten „Fernseh-Noah“, Naturschützer des TV-Zeitalters, aufforderte, mich als Angehörigen einer gefährdeten Art in die Gruppe der Primaten in seinem Zoo aufzunehmen. Grzimek hat die Rote Liste der Gefährdung von Tierarten und Spezies in Attraktionshierarchien für seinen Zoo übersetzt. Damals entstand der Gedanke, daß man gewisse Arten von Tieren nur noch im Zoo vor dem Aussterben bewahren könne, um sie günstigstenfalls nach erfolgter Vermehrung auszuwildern. Durch meine Aufnahme unter die Primaten der Schauanlage des Frankfurter Zoos wollte ich dessen Besucher anregen, sich selbst nach den Wertigkeitskriterien zu beurteilen, die Grzimek aufgestellt hatte. Mir verweigerte er ein Leben als Schausteller des Menschen im Bewußtsein seines Endes – ich wurde trotz bescheidenster Ansprüche nicht in den Zoo aufgenommen. Aber vierzig Jahre nach meinem gescheiterten Antrag beschloß der Londoner Zoo, einer Gruppe von Homoniden der Art homo sapiens sapiens neben den Menschenaffen Asyl zu bieten (wahrscheinlich hatten die Zuständigen Sloterdijks „Regeln für den Menschenpark“ von 1999 gelesen und verstanden, daß Konzepte des Humanismus immer schon an die Erkenntnis gebunden waren, die Menschen wie alle Lebewesen als Entfaltungen ein und derselben Naturevolution zu verstehen).

Unter den Verweisen auf experimentelle Geschichtsschreibung, die unsere Vitrinenkonstellation bietet, heben wir einen weiteren hervor, wozu die in einem anderen Kompartment gezeigte Versammlung von Hunden als ersten Domestikationsfolgen anhält. Denn Bismarck wird ja vor allem auch durch sein Assistenztier identifiziert, wie man etwa Zeus am Adler erkennt, der in seinen Fängen die Blitze des zürnenden Gottes bereithält. Anfang der 1980er Jahre entwickelten die Redakteure der Wilden Akademie Berlin und der Zeitschrift für Verkehrswissenschaft „Tumult“, Ulrich Raulff und Ulrich Giersch, mit einigen Experimentatoren eine kynologische Versuchsreihe. Nach den bekannten Zuordnungen von Politikern und Denkern zu den Eigenschaften ihrer Hunde (Hitler und Schäferhund Blondie, Mephistopheles / Schopenhauer und Pudel, Kaiser Wilhelm II. und Dackel, Thomas Mann und Mischrassen, Königin Elizabeth und Corgies, Blinde und Golden Retriever, Bergführer und Bernhardiner ...) sollten entsprechende tierische Naturen als Assistenztiere für Chruschtschow, Chomeini, Heidegger, Celan, Kanzler Schmidt, Carl Schmitt, Goebbels und ähnliche Kaliber gezüchtet werden. Über die historische Formel der Funktionstüchtigkeit „domini canes“, also der Dominikaner, sind wir nicht hinausgekommen. Herr und Hund, Hund und Heil, Hüten und Hegen sind so großartig bereits historisch ausgeprägt, daß keine Phantasie selbst eines wildgewordenen Zuchtmeisters dagegen ankommt. Schon gar nicht gegen den Eisernen Kanzler mit seinem Respekt einfordernden butcher’s dog.

Die drei mit einfachen Zeichengebungen in unserer Museumsvitrine repräsentierten Bewegungen haben sich als beispielhaft und richtungweisend für die Bemühungen um eine Zivilisierung der Kulturen erwiesen. Zugleich sieht man, daß stimmige Konstellationen die Entwicklung von Gedanken durch Metaphorisierungen ermöglichen, die von der Geschichte der Zivilisierung der Kulturen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzählen: mit Hagenbeck von der Naturbeherrschung und dem Imperialismus, mit Bebel von der Arbeiter- und Sozialbewegung und dem Kampf um soziale Standards, mit Bismarck von dem herrschenden System diplomatischer, bürokratischer und letztlich auch militärischer Macht und der Durchsetzung des Verhältnisses von Idee und Wirklichkeit in der Regierungskunst. Regierung heißt stets, zwischen den Wünschen der Menschen und den politischen, sozialen und ökonomischen Realitäten zu vermitteln. Sich selbst regieren ist auf die gleiche Weise ein Weltregieren, stellt Thomas Manns Held Hans Castorp auf dem „Zauberberg“ fest. In diesem Begriff sind Formen des Abseits-Sitzens und des stillen Überdenkens, also des Museumsverhaltens angelegt. Sich selbst regieren ist der Versuch, einen entscheidenden Einfluß auf das eigene Verhalten zu entwickeln, bis hin zur Rückübertragung dieses Modells auf die Gesellschaft.

Die in der Museumsvitrine platzierten Konstellationen verweisen auf die wichtige Aufgabe, die Gewalttätigkeiten des kulturellen Identitätswahns durch die Kraft der Metapher aufzubrechen. Wer Fundamentalisten zivilisieren will, muß ihnen einen metaphorischen Sprachgebrauch nahelegen. Sie müssen in die Lage versetzt werden, Übertragungsleistungen zwischen verschiedenen Ebenen zu akzeptieren, damit an die Stelle der gotteseifrigen Kulturmissionen das Konzept zivilisierender Transmissionen treten kann.

Anmerkungen

(1) Als ich 1974 in der Uni Kassel in einer Veranstaltung von Lucius Burckhardt die Behälterwissenschaft einführte, habe ich expressis verbis bereits die Einheit von Museum als Behälter (=Müllcontainment) und andererseits Mülldeponien/Endlagerungsstätten des atomar strahlenden Mülls als Schatzhäuser der kulturellen und religiösen Letztbegründung konzipiert. Siehe Kapitel „Fininvest – Gott und Müll“ und Brock, Bazon: Das Einzige, was Menschen in Zukunft gemeinsam haben werden, sind Probleme. In: Die Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre. München 1990, S. 11 ff.

(2) Brock, Bazon: Zur Rekonstruktion einer zeitgemäßen Kunst- und Wunderkammer. In: Le Musée sentimental de Cologne. Hg. v. Daniel Spoerri. Köln 1979, S. 18–27.

(3) Seit Schülerzeiten versuchte ich mir klar zu machen, wie man durch bloßes Maulhalten zu einem Weisen werden könne, denn Lateinlehrer Naumann hielt offenbar die Sentenz „si tacuisses philosophus mansisses“ in ihrer Bedeutung für so selbstverständlich, daß er uns keine Erklärung für die Behauptung geben zu müssen glaubte. Wie Boëthius in seinen Tröstungen der Philosophie angibt, gilt es, auf Kränkungen und Schmähungen als wahrer Philosoph nicht zu reagieren; wienerisch: gar nicht erst ignorieren. Die Methode gilt offensichtlich nicht nur zum Beweis von philosophischer Charakterbildung, sondern ebenfalls zur Begründung von Tiefsinn schlechthin. Denn es heißt ja „et at tacites deduxit Pallas sacros“, also: Pallas offenbart die Heiligtümer nur dem, der bereit ist, im Staunen sprachlos zu werden, oder: die Göttin schafft uns Seelenkraft dadurch, daß wir lernen zu schweigen. Mich haben diese Begründungen von Tiefsinnigkeit immer wütend gemacht, zumal die Schweigenden ihre Überlegenheit, also Weisheit, durch ein mokantes, herablassendes Lächeln zu bekunden pflegen. Die vor Staunen Sprachlosen unter den Museumsbesuchern stellten sich am Ende der Gespräche in der Besucherschule als die Dümmsten, aber Anspruchsvollsten heraus. Sie forderten alle denkbaren Informationen, Erklärungen, Sinnstiftungen vor den Werken ein, um dann stets überlegen zu bekunden, daß dieses Wissen natürlich nicht im Geringsten der Großartigkeit des staunenden Schweigens vor den Meisterwerken gewachsen sei.

(4) Zum Verständnis des Verhältnisses von Theorie und Praxis siehe im Kapitel „Musealisiert Euch! Europas Zukunft als Museum der Welt. Ein Lustmarsch durchs Theoriegelände“ den Abschnitt „Eröffnungsspiel: Preußische Partie“.

(5) Siehe Kapitel „Pathosinstitut AZ – Opferolympiade“.

(6) Der parabelhafte Film „Rashomon“ von Akira Kurosawa zeigt diesen komplexen Zusammenhang zwischen dem äußeren Geschehen und dem inneren Erleben auf sehr prägnante Weise: Vier Personen sollen den gleichen Tathergang registrieren und dann berichten, was sie gesehen haben (im Falle „Rashomons“ handelt es sich um einen Mord); die vier Zeugen des Verbrechens erzählen vier verschiedene Geschichten. Genötigt, dennoch einen Zugang zur Wahrheit zu entwickeln, beginnt erst der komplizierte Erkenntnisweg.

(7) Brock, Bazon: „Prillwitzer Idole“ – Über die obotritischen Heiligtümer und ihre Faszination für die neuesten Bronzeskulpturen von Daniel Spoerri. In: Daniel Spoerri – Prillwitzer Idole. Kunst nach Kunst nach Kunst. Staatliches Museum Schwerin 2006, S. 18 f.

(8) Zu diesen zwischen 1977 und 1982 entwickelten Theorien der Avantgarde und der Neophilie der Moderne siehe „Avantgarde und Tradition“ in, Bazon Brock, 1986, S. 102–298.

(9) Siehe Mulsow, Martin; Stamm, Marcelo (Hg.): Konstellationsforschung. Frankfurt am Main 2005.

(10) Siehe Torquato Tasso von J. W. v. Goethe, Fünfter Aufzug, Fünfter Auftritt.

(11) Siehe die „Süddeutsche Zeitung“ vom 8. Januar 2008, Beitrag von Joseph Weizenbaum (MIT) u.a. zur Metaphorisierung in den Wissenschaften: „Metaphern und Analogien bringen, indem sie disparate Kontexte zusammenfügen, neue Einsichten hervor. Fast all unser Wissen, einschließlich des wissenschaftlichen, ist metaphorisch. Deswegen auch nicht absolut.“

(12) Brock, Bazon 2002, S. 287 f.

(13) Zur Musealisierung als einer Form der experimentellen Geschichtsschreibung siehe Brock, Bazon: Das Zeughaus. Diesseits – Jenseits – Abseits. Die Sammlung als Basislager für Expeditionen in die Zeitgenossenschaft. In: ders., 2002, S. 721 ff.