Lustmarsch durchs Theoriegelände

– Musealisiert Euch!

Lustmarsch durchs Theoriegelände | Buchumschlag. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Ankündigungsplakat zur Buchmesse 2008. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | DVD-Cover. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Außenseite aufgefaltet. Gestaltung: Gertrud Nolte. Lustmarsch durchs Theoriegelände | Umschlagplakat Innenseite Ausschnitt. Gestaltung: Gertrud Nolte.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes

Gestaltung: botschaft prof. gertrud nolte

Das Buch ist mit einem Plakat-Umschlag in den Maßen 58cm * 79cm eingeschlagen.

Seite im Original: 152

I.5 Eine schwere Entdeutschung - Widerruf des 20. Jahrhunderts - Aufklärung als Enttäuschung

In zahlreichen Ausstellungen, Büchern, Filmen und action teachings hat Bazon Brock das Forum Germanum – „das Troja unseres Lebens zwischen Landwehrkanal, Anhalter Bahnhof, Kochstraße, Wilhelmstraße, Askanischem Platz“ – durchforscht, Quadratmeter für Quadratmeter. (1) Zunächst anhand Nietzsches Anleitung: „Ehrwürdig und heilbringend wird der Deutsche erst dann den Nationen erscheinen, wenn er gezeigt hat, daß er furchtbar ist und es doch durch Anspannung seiner höchsten und edelsten Kunst und Kulturkräfte vergessen machen will, daß er furchtbar war.“ Diese Ehrwürde und Heilsbringung können wir nicht mehr reklamieren. Dann fordern wir doch besser mit Axel Springer, der sein Direktorenzimmer über dem Grundriss der Apsis der schwer zerbombten Jerusalem-Kirche errichtete, man sollte einen Post-Zionismus doch einmal mit Mendelssohn versuchen, nachdem der Prä-Zionismus mit Wagner und Herzl zur problematischen Form geworden sei.

Im Anschluß an meinen 1981 in Berlin ausgesteckten Lehrpfad der historischen Imagination, auf dem die Karrieren von Architekturen, Plätzen und Straßenzügen des „Forum Germanum“ die Beständigkeit des Wechsels unter Beweis stellten, trainieren wir in der Erlebnislandschaft des „Theoriegeländes“ das kollektive Gedächtnis der Deutschen und zwar im Hinblick auf eine Möglichkeit, das 20. Jahrhundert zu widerrufen. Wir folgen damit einer weitentwickelten Fähigkeit von Historikern, die tatsächlich abgelaufene Geschichte danach zu bewerten, welche anderen Verläufe sie hätte nehmen können. Diese Art des Gedächtnistheaters soll die Vorstellung davon befördern, was eigentlich zur Diskussion steht, wenn wir auf vielfältige Weise, von verschiedenen Gesichtspunkten aus und mit unterschiedlichen Zielsetzungen etwa die Geschichte der Deutschen im 20. Jahrhundert anzusprechen behaupten.

Die Deutschen sind nach allgemeiner Auffassung nicht eben bekannt dafür, daß sie einen besonders sicheren Umgang mit dem besäßen, was Engländer, Franzosen, Amerikaner und Russen für die Wirklichkeit halten und worüber sich die Deutschen oft genug erhaben fühlen. Als Merk- und Denkmal für die „Balken im eignen Auge“ (Matthäus 7,3), für die Blindheit bei der Sicht auf die Chimäre der „deutschen Identität“ in Abgrenzung von American way of life, von Britishness, von latinità und la douce France sind in unserem Memorialtheater Pfähle errichtet worden. Sie assoziieren Stammestotems, den Mast der Selbstfesselung, an dem sich Odysseus den Lockungen der Sirenen aussetzte; (2) man kann sie als die Marterpfähle seliger Jugendlektüre der Werke des deutschen Nationaldichters Karl May ansprechen oder man sieht sie als Exekutionspfähle, als Ortsmarkierung zum Beispiel für den Zielpunkt oder für Grenzen. Diese verschiedenen Assoziationen zur Gestalt des Pfahls vereinigen wir zu sogenannten Thementotems, in diesem Fall Thementotems der Entdeutschung. Dem Publikum zeigen wir – wie mit einem zum Ausstellungsobjekt gewordenen Inhaltsverzeichnis – welche Aspekte des Themas vom Gestor abgearbeitet werden sollen.

Schukow fällt vom Roß

Ins graue und gräuliche Umfeld der Identitätstotems der Deutschen gehört die Reproduktion eines kolossalen Gemäldes, das in der Moskauer Tretjakow-Galerie hängt. Auf diesem Historiengemälde von Wassilij Jakowlew wird dem militärischen Genius des Sieges der Sowjetunion über Deutschland, Marschall Schukow, gehuldigt. Die Ikonographie des Gemäldes ist eindeutig: vor dem Hintergrund des brennenden Berlin – ausdrücklich sind Gedächtniskirche und Brandenburger Tor hervorgehoben – führt Schukow auf einem Schimmel, der sich über deutschen Feld- und Parteizeichen und Fahnen, den Trophäen des Sieges, aufbäumt, eine Parade an.

Diese Siegesparade fand nicht in Berlin, sondern im Mai 1945 in Moskau statt. Zunächst war daran gedacht, ältester historiographischer Tradition gemäß, Stalin auf dem Schimmel der Parade über den Roten Platz voranreiten zu lassen, die dann Lenin in seinem Mausoleum abgenommen hätte. Möglicherweise wäre es zu Irritationen gekommen, wenn auf der Tribüne des Mausoleums der Staatspräsident, Mitglieder des Politbüros und der Regierung gestanden hätten, weil dann sie und nicht Stalin als Adressaten der Huldigung hätten gelten können. Aber auch hier bietet der Geist der Geschichte eine Pointe, die noch so begabte Historiker nicht besser hätten erfinden können. Stalins Tochter Swetlana berichtet, daß er bei der Übung am Vortage der Parade schmerzlich erfuhr, nicht das Format zu haben, mit einem solch edlen Roß fertig zu werden. Er mußte also dem trainierteren und potenteren Schukow die Rolle überlassen. Schukow genoß die Demonstration seiner nicht nur physisch gemeinten Überlegenheit während der Parade zu offensichtlich, als daß Stalin sich das hätte gefallen lassen können, zumal, wie Jakowlew überaus deutlich macht, Schukow durchaus in das Imaginationsschema des auf seinem Rosse zum Himmel aufsteigenden Religionsstifters Mohammed hineinpaßte und somit möglicherweise in der Öffentlichkeit als der wahre Stifter der sowjetischen Siegesbestimmung und Siegeskraft hätte gelten können. Stalin holte Schukow vom hohen Roß, indem er ihn als Provinzkommandeur nach Fernost verbannte. (3)

Zwei weitere Gemälde schließen den Wahrnehmungshorizont hinter den Thementotems; Thomas Wachweger hat sie Mitte der 1970er Jahre gemalt. „Alle Schwestern werden Brüder“ und „Mater dolorosa“ gehören zum Themengebiet „Eine schwere Entdeutschung“ und können als Bildnisse sowohl meiner prä- wie meiner postnatalen Existenz gelten. „Alle Schwestern werden Brüder“ zeigen einen angeschwollenen Mutterbauch, der ins Berliner Olympiastadion von 1936 ragt, wobei erwähnt sei, daß der Betrieb meines Vaters, „Hermann Brocks Brotfabriken“, das olympische Berlin mit Brot beliefert hat. Auf dem Gemälde „Mater dolorosa“ sieht man eine deutsche Heldengebärerin mit Kind im Arm. Das Baby signalisiert mit emporgestrecktem Finger bereits die Verpflichtung der Mutter auf die Erziehung eines Heroen. Mutter und Kind werden ihrerseits umfangen von den Flügeln des Staats- und Wappentiers der Deutschen, dem Adler, also dem ursprünglichen Assistenztier des Gottes Zeus, heute Vater Staat.

Die beiden Wachweger-Gemälde entsprechen für meine Biographie dem Gemälde Jakowlews für die Biographie Schukows. Der Mohammed-Ikonographie bei Jakowlew korrespondiert die Christus-Ikonographie bei Wachwegers „Mater dolorosa“. Die Ruinen Berlins bei Jakowlew sind äquivalent den vollbesetzten Rängen des Olympia-Stadions, über die der rechte Arm Hitlers mit imperialer Machtgeste bereits hinwegwischt. Beide Motive der Wachweger-Gemälde entstehen als Rückblicke, die man als Nachbilder und Nachklang der Beteiligten verstehen kann. Irritierende Nachbilder und Nachklänge: Seit alter, alter Zeit wird den Müttern empfohlen, ihre Leibesfrucht nur Wohlklängen als harmonischen Friedenslauten auszusetzen, weil man vermutete, daß schon Kinder im Mutterbauch wahrnehmungsempfindlich seien. Welche Auswirkungen auf den pränatalen Organismus musste man erwarten, wenn er dem Stakkato marschierender Stiefelträger, dem tausendfachen Heilrufen und Jubelgeschrei, dem niederträchtigen Johlen und Pfeifen triumphierender Barbaren ausgesetzt war!

Das Nachbild eines Kleinkinds im Arm seiner Mutter, die er offensichtlich mit herrischen Gesten seinem Willensdiktat verpflichten will, wird umso bedenklicher wirken, als man weiß, wie schicksalsverschärfend sich für Preußen in Deutschland eine erst späte Taufe erweisen konnte, in meinem Falle gerade aus der Familiengeschichte mütterlicherseits: die kindliche Präpotenzgeste ist offenbar eine Ermahnung, strikt vom mütterlichen Zentkowski zum väterlichen Brock überzugehen.

Entdeutschung – Enttäuschung

Die zertrümmerten und in den Staub getretenen Hoheitszeichen Nazi-Deutschlands, über die Schukow sich als Sieger erhebt, manifestieren einen Aspekt der „Entdeutschung“ nach 1945. Ein weiterer wurde als Entnazifizierung historisches Faktum; sie scheiterte bekanntlich an dem bemerkenswerten Bekenntnis von Millionen der Otto-Normaldeutschen, überhaupt keine Nazis gewesen zu sein. Nur wenn jemand Nazi gewesen war und das auch bekannte, konnte er logischerweise entnazifiziert werden. Für diese Gruppe steht beispielhaft Hans Globke, der Staatssekretär im Bundeskanzleramt unter Konrad Adenauer. Globke hatte 1935 immerhin an der Formulierung der „Parzifal-Gesetze“ zur Reinhaltung des deutschen Blutes entscheidend mitgewirkt (mit Bezug zu Disraelis Schöpfung des Kontrafakts „Rassereinheit“). Adenauer war der Überzeugung, daß gerade diejenigen verläßliche Mitarbeiter einer demokratisch legitimierten und kontrollierten Regierung werden könnten, die ihre einstmals üblichen Irrtümer eingesehen und deren Folgen glaubwürdig bereut hatten.

Zum politischen Kampfbegriff wurde Entdeutschung durch die Gewohnheit von Siegern, aus gewonnenen Territorien die Angehörigen besiegter Völker zu vertreiben oder auszusiedeln (Entdeutschung Westpreußens nach 1921, Entdeutschung Schlesiens, Ostpreußens und von Hinterpommern nach 1947).

Begründet hat das Konzept der Entdeutschung, so weit wir wissen, Friedrich Nietzsche, um damit seinen Widerstand gegen das antisemitische Pathos von Bayreuth und Berlin, von Wagner und dem Hofprediger Stoecker zu bekunden. Nietzsche bereitete damit eine Beurteilung der deutschen Entwicklung nach 1871/72 (Reichsgründung und Bayreuth-Gründung) vor, die erst gegenwärtig, also weit jenseits von Nietzsches Erwartungshorizont, verstanden wird und die wir unter dem Titel „Widerruf des 20. Jahrhunderts“ ansprechen.

Die im Namen der „heil’gen deutschen Kunst“ von Wagner und im Namen der deutschen Weltgeltungsmission von Wilhelm II. durchgesetzte Entfesselung der Deutschen führte in historischer Sicht zur weitestgehenden Zerschlagung von Reich, Nation, Volk und Land, jedenfalls in der Gestalt, die man zum Ende des 19. Jahrhunderts mit so überwältigender Evidenz glaubte errungen zu haben, daß daraus der Anspruch auf Weltgeltung abgeleitet werden konnte. Daß der Versuch radikaler Durchsetzung eines Machtanspruchs zum vollständigen Verlust der Machtmittel führt, wird den Mächtigen der Welt nicht zuletzt durch Propheten, Dramatiker und Historiker seit Jahrtausenden vorgeführt. Hingegen blieb die Frage unentschieden, ob es gelingen kann, nach der Selbstzerstörung der Macht durch Allmachtswahnsinn wieder in die Ausgangslage zurückzukehren. Für die Deutschen nach 1989 heißt das zu fragen, ob es eine Chance gebe, nach der grausamen Entdeutschung aller Sphären des menschlichen Daseins auf dem europäischen Kontinent (und durch Verfolgung und Vertreibung nach 1933 weit über Europa hinaus) an das vorwagnerische und vorwilhelminische Deutschland in all seinen kulturell-religiösen, künstlerisch-wissenschaftlichen, politischen und sozialen Potentialen anzuschließen. Aber welche Zeit wäre das? Etwa die Dekaden von 1813 bis zur Entlassung Bismarcks, mit Zensurregime, blutig/unblutig gescheiterten Freiheitsbewegungen wie 1848/49, mit Landflucht und Bildung städtischen Proletariats unter heute unvorstellbaren Lebensbedingungen? Wäre die Entdeutschungsorgie, die gerade im Namen der heiligsten deutschen Güter gerechtfertigt wurde, nicht entstanden, wenn schon 1866 und nicht erst 1938 die großdeutsche Vereinigung mit Österreich erfolgt wäre? Was wäre, so die Frage an die Uchronie-Forschung, zu erwarten gewesen, wenn nicht Herzl mit den Mitteln deutscher Großpathetiken aus Musik, Philosophie und Dichtung das zionistische Projekt maßgeblich bestimmt hätte, sondern etwa der Wiener Rabbiner Bloch, dem der Musiker Felix Mendelssohn-Bartholdy und der Aufklärer Moses Mendelssohn wichtiger waren als Wagner und die Titanen Ranke, Treitschke und Mommsen?

Es gibt aber auch die gut begründete Auffassung, daß nach 1945 nicht nachhaltig mit dem Machtwahn im Namen der Weltgeltung des Deutschtums gebrochen worden ist. Entdeutschung wäre dann immer noch erst fällig als eine Befreiung (im Sinne Nietzsches) von der Suggestivität eines wörtlich verstandenen „Deutschland über alles“, das durch Verweis auf in Deutschland erbrachte wissenschaftliche, künstlerische, technologische und sportliche Leistungen gestützt wurde.

Daß ein programmatisches Bemühen um Entdeutschung ins Gegenteil umschlagen kann, beweisen nicht zuletzt die Millionen deutscher Nachkriegstouristen, die ganz gegen die Gewohnheit des altdeutschen Auftrumpfens („hier wird deutsch gesprochen, Eisbein und Bier serviert“) alles daransetzen, nicht als Deutsche identifiziert zu werden. Deutsche reisen in der ganzen Welt umher und üben sich darin, andere zu sein, als sie sind. Im Ausland täuschen sie gerne das Beherrschen von Fremdsprachen vor, um sich den Anschein des Weltläufigen zu geben. Gerade durch dieses Verhalten, dem Stottern auf Italienisch, Spanisch und Englisch, erscheinen sie den Einheimischen erst recht als das, was sie eben sind, nämlich Deutsche, die unbedingt ihr Deutschsein abschütteln wollen – heute vornehmlich unter dem Vorwand, sich der Globalisierung anpassen zu müssen. Es gibt nichts Lächerlicheres als deutsche Wissenschaftler, in erster Linie Germanisten, Soziologen, Philosophen, Kunsthistoriker, die stolz auf den Gebrauch ihrer Muttersprache, das heißt auf zwei Drittel ihrer Denk- und Ausdruckskapazität, verzichten, um Anpassung an eingebildete Internationalität zu demonstrieren.

Zur schweren Entdeutschung, aber auch zur umso lohnenderen Enttäuschung, das heißt zur Befreiung von Identitätspolitik und Kulturkrampferei zugunsten von Weltbürgertum und universaler Zivilisierung der Menschheit, wird unser Bemühen, wenn wir die Tatsache nicht leugnen, daß auch die aufgeklärtesten Zeitgenossen als Sozialisten, Humanisten, Universalisten, die glücklich den Kulturen und Religionen entlaufenen Künstler und Wissenschaftler, grundsätzlich und für ihre gesamte Lebenszeit kulturalistisch und religiös geprägt bleiben. Niemand kann seiner Muttersprache, seiner Enkulturation, von der Kleinfamilie über den Stamm bis zur Ethnie und zur Religionszugehörigkeit, entgehen. Man kann nur lernen, mit dieser Grunddisposition umzugehen angesichts der Tatsache, daß es sehr viele unterschiedlich kulturell-ethnisch-religiös-sprachlich geprägte Individuen wie Gruppen von Menschen gibt. Eine schwere Entdeutschung hieße dann nicht, seine Prägung als Deutscher zu verleugnen, zu mißachten oder zu verlernen. Wie es sinnlos ist, Europäer sein zu wollen, ohne etwa als Bulgare, Brite oder Belgier geboren zu sein und wie es sinnlos ist, Weltbürger sein zu wollen, ohne etwa dem arabischen oder dem chinesischen Kulturkreis, geschweige dem der Bantus anzugehören, bleibt es auch vergeblich, sich zu entdeutschen, ohne Deutscher zu sein und zu bleiben. Das zeigten vor allem die Zwangsentdeutschten, die etwa als Juden in den USA oder in Tel Aviv die höchsten Standards des Deutschseins repräsentierten, welche in Deutschland selbst gerade im Namen der Durchsetzung des Deutschtums zerstört worden waren. Den besten Beleg für derartige Zusammenhänge bietet die explosionsartige Entfaltung der Wissenschaften, seit ihre Repräsentanten gerade angesichts der allen gemeinsamen Untersuchungsgegenstände in ihrer jeweiligen Muttersprache zu denken und zu veröffentlichen begannen. Wie das Lateinische als Universalsprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sich gerade dem Machtanspruch und der Machtentfaltung Roms, also des katholikos, verdankte (und nicht etwa der Idee freien Zugangs zu den Heilsgütern), so ist auch die angebliche Universalsprache Englisch Ausdruck der Begierde, der mächtigsten Agglomeration von Verfügung über Wissen anzugehören (und nicht etwa Einladung an jedermann, an der Nutzung des Wissens teilzuhaben). Dafür ist unübersehbarer Beweis, daß jede halbwegs Profit versprechende Erkenntnis durch Patentierung und ähnliche Verfahren gerade der Allgemeinheit entzogen wird. Über diese Beraubung darf dann die ganze Welt im touristischen Minimalenglisch lamentieren.

Europa im Kulturkampf?

Eine heute wesentliche Kennzeichnung der Europäer durch die islamische Welt lautet: Europäer sind Kreuzfahrer, also Leute, die mit kriegerischen Mitteln Andersgläubige, vor allem Moslems und ihr Territorium, zu unterwerfen versuchen. Doch wann hat man von einem intelligenten Politiker oder sonstigen Repräsentanten der als Kreuzfahrer denunzierten Europäer die Gegenfrage gehört: „Ihr Araber nennt uns Kreuzfahrer, aber was soll das heißen? Wohin hat sich denn der Islam ab 636 ausgebreitet? Ihr habt doch das christlich-jüdische Jerusalem erobert. Wer also waren die ersten „Kreuzfahrer“, also „Halbmondfahrer“? Als die christlichen Kreuzfahrer den Zugang zu ihren heiligen Stätten wiedergewinnen wollten, beschwerten sich die islamischen Landnehmer über Praktiken, die sie selber angewandt hatten, indem sie sich jüdisch-christlich besiedeltes Gebiet aneigneten und dessen Bevölkerung mit allen Mitteln zu missionieren sich verpflichtet fühlten. Zu den geschmähten Zügen der Kreuzfahrer kam es erst, als die moslemischen neuen Herren Jerusalems den Christen den Besuch ihrer Kultstätten radikal verweigerten. Noch nie haben Juden oder Christen Mekka zu erobern versucht, um dort die heiligen Stätten des Islam in Synagogen oder Kathedralen umzuformen.“

>Die Verkehrungen historischer Tatsachen folgen einem bekannten psychologischen Muster: Wenn die Mitglieder einer Kultur, einer Überlebenskampfgemeinschaft, von Widersprüchen in ihrer Selbstlegitimation irritiert werden und diesem inneren Druck nicht standhalten, projizieren sie den Vorwurf auf den Gegner und behaupten, die anderen seien die Täter respektive die Schuldigen; offenbar erfolgreich, denn in nahezu jeder Zeitung des moslemischen Kulturraums wie auch in westlichen Feuilletons werden die Kreuzfahrergebärden, die Europäer angeblich an den Tag legen, gegeißelt. Jerusalem ist seit König Davids Zeiten, also seit mindestens 1.000 v. Chr. das Zentrum der Entwicklung des Judentums. Die Christen als universalisierte Juden sind seit nahezu zweitausend Jahren in dieser Region zuhause.

Warum läßt sich das zentrale Problem im Umgang mit islamischen Gesellschaften unter Europäern nicht diskutieren, nämlich daß 636 der offensive muslimische Auftrag zur Missionierung ergangen ist (zum Beispiel Koran, Sure 9, Vers 41), aber unter Missionierung die Eroberung der Welt mit Feuer und Schwert gemeint ist. Der durchschnittliche Europäer lebt mittlerweile in fast vollständiger Unkenntnis seiner Geschichte. Er will auch nichts mehr hören vom Zusammenhang von christlicher Theologie mit der Entstehung der Konzepte von Individualisierung, von Säkularisierung, von Gewaltenteilung und von Demokratie. Er bezeugt nur offenkundiges und arrogantes Desinteresse, wie es nicht einmal die „bösen Imperialisten“ an den Tag legen konnten, weil sie ja auch mit dem Widerstand der Völker der islamischen Welt zu rechnen hatten. Da die Europäer, zumal im Wohlstandsrausch, nur allzu gerne glauben, von der Geschichte nichts mehr wissen zu müssen, fühlen sie sich berechtigt, auch von allen anderen anzunehmen, daß denen Kultur und Religion, Sprachgemeinschaft und territoriale Integrität, Sicherung von Ressourcen und allgemeine Fragen des Fortlebens ihrer Gemeinschaften genau so gleichgültig seien wie den Europäern. Der arrogante Europäer hält es von vornherein für unnötig, sich mit dem Machtpotential anderer Völker, Kulturen, Nationen und Religionsgemeinschaften zu beschäftigen, denn: „Was haben die schon zum Fortschritt der Sozialversicherung, der Getränkeindustrie und der Unterhaltungspornographie beigetragen, die uns allein noch in unserem Alltagsleben wirklich interessieren? Im übrigen werden diese Leute durch die Probleme ihrer rasant wachsenden Bevölkerung und andere innenpolitische Zumutungen so geschwächt werden, daß man von ihnen nichts mehr befürchten muß.“

Noch mehr Arroganz von Überlegenen zeigen die gewählten Repräsentanten dieses harmlosen europäischen Wohllebevölkchens. >Wie Stichproben zeigen, ist nicht zu erwarten, daß diese Herren, die leichtfertig über die Zukunft Europas verfügen, etwa in der Lage wären, drei Jahreszahlen von Großereignissen, drei theologische Themen, drei Ereignisorte, drei Personennamen, drei aus dem Ereignis abgeleitete Folgeerscheinungen, also fünfzehn Angaben zu tausenddreihundertfünfzig Jahren christlich-moslemischer Auseinandersetzung zu nennen. Die Moslems sind zu Recht schwer enttäuscht, ja sie fühlen sich beleidigt, daß Europäer nicht einmal im eigenen Interesse es für nötig halten, sich über das moslemische Selbstverständnis kundig zu machen, obwohl es ständig zu Kollisionen kommt, die von beiden Seiten als Auswirkungen von religiös-kulturellen Selbststilisierungen ausgegeben werden. Die Moslems müssen schmerzlich erfahren, daß sie aus mangelnder Bildung europäischer Politiker und Unternehmer als beliebige Verfügungsmasse nicht ernstgenommen werden. Und das ist in der Tat ein Skandal der Wohlstandsverwahrlosung.

Aber allmählich dürfte sich selbst bei diesen Europäern herumsprechen, daß nicht die Islamisten die große weltpolitische Gefahr darstellen, sondern die Arroganz, mit der Europäer sich in der Sicherheit von Weltbeherrschung nach einem seit 1683 bewährten Muster wiegen. Selbst aus Anlaß von Fußballspielen der türkischen Nationalmannschaft etwa gegen die deutsche wird der historische Appell zur Fortsetzung des 1683 vor Wien abgebrochenen Eroberungsfeldzugs der Heere des Islam beschworen. Völlig kontraproduktiv wäre es indessen, den islamischen Halbmondfahrern ihre Pendants in Gestalt christlicher Fundamentalisten entgegenzuhalten. Was die anrichten, hat man jüngst ihrem Einfluß auf die amerikanische Entscheidung ablesen können, einen Angriffskrieg im Irak zu führen. Da bleibt nichts zu hoffen, ebenso wenig wie von fundamentalistischen Globalisierungsfanatikern, deren haltloses Gerede von den den Weltlauf selbst regulierenden freien Märkten sich im rapiden Verlust des Vertrauens zur sozialen Marktwirtschaft in demokratisch verfaßten Gesellschaften spiegelt. Seit die Globalisierung, die folgenreichste Ideologie aller Zeiten, aus dem vermeintlich endgültigen Sieg des Westens über den Rest der Welt durch Abschied aus den Logiken der Geschichte 1989 hervorgegangen ist, hat sich diese Rationalisierung und Behuldigung von brutalster Mafiagesinnung nach Meinung ihrer Erfinder aufs schönste bewährt: Macht legitimiert sich seither alleine aus ihrem Durchsetzungserfolg, Widerspruch erledigt sich als Mißerfolg am Markt von selbst. Wer nicht überlebt, war doch nur wert, daß er zugrunde geht. (4)

Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode!

Heute äußert sich der Fundamentalismus vor allem im allgemein spürbaren Zwang, eine kulturelle Identität auszuweisen. Sein Name ist Multikultur, was ja nicht bedeuten kann, daß jeder beliebig viele kulturelle Identitäten besitzt, sondern daß sich gefälligst jedermann auf die ihm zukommende, weil ihm zugeschriebene Identität zu fixieren hat und die Vielzahl der Identitäten zur Einheit in der Vielzahl kommt. Wem das als Tautologie erscheint, hat völlig recht. Denn multi heißt Vielzahl und Multikultur eben die Kultur der Vielzahl. Die Beschwörer multikultureller Elitenbildung lassen sich nicht davon irritieren, daß sie eine Vielzahl als Einheit ausgeben. Wie vernünftig war das amerikanische Aufklärermotto „e pluribus unum“, also aus der Vielheit eine Einheit zu bilden. Die heutige Europa-Elite verordnet das Motto „In der Vielheit liegt die Einheit“; schöner kann man Sinnentleertes nicht sagen. Wer dagegen aufzumucken wagt, wird zur ersten Bürgerpflicht ermahnt, nämlich zur Toleranz im Ertragen von Wahnsinn; denn „ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“.

Ich empfehle zur Einübung in das Toleranzgebot Gerhard Polts phantastische Aufklärung über den Begriff Toleranz. Polt geht von der zutreffenden Annahme aus, daß Toleranz tatsächlich im Zuge hochnotpeinlicher Befragungen von Abweichungsverdächtigen während der Inquisition eingefordert wurde: „Nun seien Sie doch einmal ein bißchen toleranter und jammern Sie nicht bei jedem kleinen Schmerz.“ Denn tolerare heißt im Lateinischen etwas ertragen können. Also fordert der Folterknecht von seinem Opfer, toleranter zu sein gegenüber den ihm bisher zugefügten Qualen, denn es seien noch sehr viel stärkere zu erwarten. Die Abwehr von Einwänden gegen die Haltlosigkeit des Begriffs Multikultur gipfelt in der scheinbar coolen Gegenfrage:

„Worüber beschwert ihr euch? Wartet nur ab, was noch auf Euch zukommt! Da braucht ihr erst wirkliche Toleranz!“

Spiritualität und Ökonomie:
Von Narren und Wandervögeln

Wenn man, gerade um Europäer und Weltbürger zu werden, den größten Wert darauf legen muß, sich zu entdeutschen, sollte man doch wohl ein wenig detaillierter wissen, was Deutsch-Sein bedeutet hat. (5)

Unsere schon vorgestellten Totempfähle im Theoriegelände sind mit bestimmten Anordnungen von Objekten versehen, die zur Einschätzung und Interpretation von Handlungen als typisch deutsch im Gebrauch waren und sind. Obwohl sich die Deutschen von Fall zu Fall natürlich auch anders verhalten, bilden diese Verdinglichungen von Zuschreibungsidentitäten dennoch nicht zu leugnende Kennzeichnungen für positive wie negative Bewertungen des Deutschen.

Auf das obere Ende eines Pfahles ist eine Strohkrone gesetzt. Diese Kopfbedeckung sollte zum einen den Narren signalisieren, der, unter dem Schutz seiner Selbstdenunziation als närrisch, freie Meinungsäußerung für sich reklamierte. Wer aber mit seinen „strohdummen“ Hans Wurstiaden oder Eulenspiegeleien zu weit gegangen oder zu vorlaut gewesen war und die Wahrheiten der guten Bürger Lügen gestraft hatte, dem wurde das Stroh über dem Kopf angezündet.

Wenn ein Narr seinen Mitmenschen auf seinen Buchstabenglauben respektive Wortwörtlichkeitswahn hingewiesen hatte, mußte er oft genug stiften gehen. Auf der Flucht trug der in die Heimatlosigkeit Getriebene sinnvollerweise leichte Fußbekleidung („the German birkenstock“). Auf der ewigen Wanderschaft durch die Natur bot jedes Vergißmeinnicht dem Deutschen Gelegenheit, seine besondere spirituelle Orientierungskraft unter Beweis zu stellen. Solchermaßen auf der Suche nach der „Blauen Blume“ frühzeitig zu einem typischen grünen Spinner geworden, legte er sich mit Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ oder Goethes „Werther“ ins Gras. Wo Angehörige anderer Nationen sich ekelten, suhlte sich der Deutsche laut Goethes Wertherbriefen in Auen und feierte im Geruch frischer Kuhfladen seine unio mystica mit Mutter Natur. (6)

Er ist stets der typische Angehörige einer Nation ewiger Wanderer, der mit einem Rucksack auf dem Rücken, darin alles, was er besitzt – omnia mea mecum porto –, wanderlustig unterwegs ist, selbst wenn er eigentlich flüchtet. Das geht schon seit tausend Jahren so; die Gestalt des deutschen Narren, des deutschen Romantikers, des deutschen Taugenichts, des deutschen Wandervogels wandelte sich zum deutschen Grünen, einer vielgeschmähten und dennoch nachgeahmten Gestalt in Europa. Vom „Parzival“ des Wolfram von Eschenbach (Anfang des 13. Jahrhunderts) über die Besatzung des „Narrenschiffs“ von Sebastian Brant (Ende des 15. Jahrhunderts), den „Simplicius Simplicissimus“ von Grimmelshausen (Mitte des 17. Jahrhunderts), den Goethe’schen „Werther“ (1774) bis zu Eichendorffs „Taugenichts“ (1826) und die Gründung der Wandervogelbewegung (1896) gibt es schier endlose Ausprägungen des Deutschen auf seinem Wege durch die Welt zur Blauen Blume, zu den Müttern, zu den Bergeshöhen, zum Licht. Der Startschuß für die Öko-Bewegung in Europa, zu Recht für typisch deutsch gehalten, fiel schon zum Ende des Dreißigjährigen Krieges als Befehl zur Aufforstung nach den Verwüstungen.

Der Deutsche als ein spiritueller viator mundi, als mit Jesuslatschen bewehrter Weltenwanderer, irrte wie Juden und Zigeuner heimatlos durch die Welt. Er hatte nicht wie Franzosen oder Engländer eine Nation, oft genug nicht einmal eine feste Heimstadt. Wer ihn heute von außen beobachtet, glaubt ihn wechselweise auf der Flucht vor und auf der Suche nach einem politisch korrekten Begriff des Deutschseins in all-liebendem Verständnis für die Sorgen der ganzen Welt, weil er sich sündenstolz darauf festgelegt hat, alles Elend sei schließlich von Deutschen verursacht. „Was ist des Deutschen Vaterland?“ lautet die alte Frage von Ernst Moritz Arndt. Und in Heinrich Heines „Die romantische Schule“ heißt es, die Deutschen seien vornehmlich ein „wanderndes Volk, Vagabunden, Soldaten, fahrende Schüler oder Handwerksburschen“ gewesen, die sich auf der Suche nach dem Gral befanden. Der parzifaleske Weltenwanderer wird heute aber in Büchern wie Dan Browns „Da Vinci Code“ zum Agenten der quester legend, dieser großen Geschichte des Menschen als Grals-, Sinn- und Wahrheitssucher. (7) Der Inbegriff des Wahrheitssuchers ist der Narr, der Außenseiter. Franzosen, Engländer, Italiener identifizieren parallel verlaufenden Stränge in ihrer Tradition: Le fou, the fool und il buffone sind großartige Gestalten westlicher Spiritualität, deren phantasievolle Strategie der Verstellung die reine Naivität des Gutgläubigen sein könnte. Sie setzen ihre gespielte Narretei, den höheren Blödsinn, ernste Scherze als Erkenntnisinstrumente und kritische Korrektive zu allen kulturalistischen Gewißheiten ein. Durch die Erklärung „Was ich sage, ist sowieso alles Blödsinn, ihr braucht es nicht ernst zu nehmen“, formuliert der geisteskräftige Narr ein autonomes Urteil über die Welt.

Der deutsche Narr mußte als armer Schlucker und Pilger stets anderen Menschen sich verständlich machen, nach dem Weg fragen, und hatte deshalb frühzeitig Langenscheidts Taschenwörterbuch, das erste seiner Art, dabei. Desweiteren transportierte er in seinem Rucksack eine wiederverschließbare Flasche, meist mit Bier gefüllt, das nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516 gebraut war. Das Prinzip gründlicher Reinheit und Rationalität berücksichtigte der ewige Wanderer ohnehin, mußte er doch auf kleinsten Raum seine gesamte Existenz organisieren. Solch eine Lebensform läßt die fixe Idee entstehen, auf der Flucht stets Autarkie bewahren zu wollen. Diesem Verlangen entsprechen bestimmte Produkterfindungen, die weltweit Synonyme für das Deutschsein geworden sind: Uhu-Alleskleber, Tesa-Film, Tempo-Taschentuch, Nivea, Odol und Leibniz-Keks in entsprechend gestalteter Verpackung.

Der Unternehmer Hermann Bahlsen bestand ab 1904 darauf, alle Verpackungen seines Leibniz-Butterkekses mit dem TET-Zeichen für Langzeitnutzung zu versehen und alle Mauern und Schornsteine auf seinem Fabrikgelände in Hannover als Pharaonenbauten auszuweisen, indem er diese markanten Punkte seiner Fabrik ebenfalls mit dem weithin sichtbaren TET-Mal kennzeichnete. TET ist das ägyptische Hoheitszeichen für Ewigkeitsmanagement. (8) Was als Grabbeigabe tauglich war, den Pharao in die Ewigkeit zu begleiten, wurde als TET gekennzeichnet und war gerade gut genug, den deutschen Wanderer zum Heil mit nichtverderblichen Nahrungsmitteln auszustatten. Der Leibniz-Keks ist demonstratives Zeichen der Unabhängigkeit von den Bedingungen der Endlichkeit. Mit diesem Unsterblichkeitskeks hat man vorgesorgt. Er schmeckt zwar wie gebackener Wüstensand, ist aber ausgesprochen nahrhaft. Endlich wußte man Marie Antoinettes Frage zu beantworten, warum die Leute, die kein Brot haben, nicht einfach Kuchen äßen. In Deutschland bevorzugen sie jedenfalls zu recht in vernünftiger Wahl den Leibniz-Keks. Das ist eine Botschaft aus Hannover zwischen der Monadologie von Leibniz, dem größten Gelehrten, den die Stadt je beherbergte, und Kurt Schwitters‘ Reklame-Dadaismus, dem schönsten Wahrzeichen Hannovers. Wie Schwitters‘ Anna Blume, ist der Leibniz-Keks von vorne wie von hinten gleichermaßen ein Genuß zu ewiger Lust.

Das eingefleischte Autonomiebestreben des Deutschen, der auf der Flucht jederzeit mit Bordmitteln bedrohliche Schäden beheben können muß, spürt man noch heute, wenn er den heimischen Herd (=oikos) glaubt verlassen zu müssen. Und das geschieht unter Deutschen so häufig wie in keinem anderen Volk. Die Deutschen sind unbestrittene Weltmeister des Tourismus. Wenn sie ein Fluchtfahrzeug kaufen, Wohnwagen oder Caravan genannt, verlangen sie im Unterschied zu den zivilisierten Engländern oder Franzosen vom Verkäufer eine komplette Ausrüstung mit Werkzeugen für jeden Eventualfall. (9)

Zu diesem Autonomiestreben unter Reinheitsgebot selbst in der kleinsten Hütte trug die ehemalige DDR ihre fabelhafteste Erfindung bei, den perfekten Reinigungsvlies.

Beseelte Technik: Rationalität und Animismus

Die Spitze des zweiten Thementotems bildet die wilhelminische Pickelhaube, eine Art militärischer Version der Tarnkappe des Nibelungen, die einem Totenschädel aufgesetzt wurde. Es ist eine verhüllende Enthüllung besonderer Klasse, daß deutsche Krieger von den Zeiten der Freiheitskriege bis ins Dritte Reich ausgerechnet das Emblem des Totenschädels trugen. Soldaten führen immer nur ein Leben zum Tode, o Heidegger! Das ist der Grund, weshalb sie immer schon den Denkern voraus waren und selbst deutsche Philosophen den Ernstfall des Krieges nicht in ihr Nachdenken über die Welt aufnahmen. Der mit Pickelhaube bewehrte Soldat ist der Inbegriff der kulturellen Todes- und Tötungsbereitschaft. Das Lützow’sche Freikorps (1813) führte das Totenschädelemblem zum Zeichen unbedingten Opferwillens im Namen des deutschen Widerstands gegen und Befreiungskampfes von Napoleon ein. Später bediente sich die SS ebenfalls dieser Emblematik, ein weiteres Indiz, um die Deutschen in den Augen der anderen Nationen als mörderische Krieger und todessüchtige Kanonenhelden erscheinen zu lassen.

Doch historisch verhielt es sich genau umgekehrt: Dank ihrer hochgradig entwickelten Rationalität kamen die Militärs zu dem Ergebnis, daß man gerade dann strikte Regeln vorgeben muß, wenn es um die berufliche Bestimmung von Soldaten zum Töten und Getötet-Werden geht. So entstand das Prinzip des gehegten Krieges. Seither durften auch Feinde, die zu Gegnern geadelt worden waren, nicht mehr willkürlich getötet werden; es wurde zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten unterschieden und Regeln für den Umgang mit Kriegsgefangenen, Verwundeten, Zivilisten, Schiffbrüchigen, Spionen festgelegt. Supranationale Regelwerke und zwischenstaatliche Abkommen wie die Genfer Konvention (1864) und die Haager Landkriegsordnung (1899) sind große zivilisatorische Modelle, wie sie heute von der UNO mit dem Höhepunkt allgemein geltenden Völker- und Menschenrechts (1948) repräsentiert werden.

Den Militärs, die hochrational Waffen und Bürokratien entwickelten, wie Friedrich Kittler auf einzigartige Weise gezeigt hat, verdanken wir nicht nur die Entwicklung im Waffendesign, sondern auch im Bereich der Gerätschaften des Lebens wie dem deutschen Kochgeschirr. Der blecherne Fressnapf demonstriert, zu welchen ausgezeichneten gestalterischen Definitionen das Militär in der Lage ist; dennoch sind Waffen niemals bei Design-Wettbewerben um die „Gute Form“ prämiert worden, obschon sie eigentlich im höchsten Maße dem Anspruch auf vollendete Funktionalität und gelungene Formgebung entsprechen. Auch Orden wurden als Design nie prämiert, nicht einmal das Eiserne Kreuz, das im Übrigen von dem preußischen Großmeister aller Gestaltungsprozesse Karl Friedrich Schinkel höchstpersönlich entworfen worden war.

Zu der Feldausrüstung der Soldaten, also auch der deutschen, zählte die Weltorientierung gewährende Literatur im Tornister. Raumsparende Kleinstformate von Büchern Hölderlins, Nietzsches oder Rilkes wurden als feldtaugliches Gut in riesiger Zahl an die Soldaten verteilt. Zu literaturreifer Tragik steigerte sich der Gebrauch solcher geistiger Waffen, wenn sich etwa Kämpfer gegenübertraten, die die gleichen Bücher mitführten. Die einen griffen im Namen des Nietzsche’schen Heldenradikalismus an, die anderen verteidigten den deutschen Geist, wie ihn Hölderlin oder Rilke in die Welt getragen hatten.

Wurden deutsche Soldaten im Kampf verwundet, verabreichte man ihnen das Allheilmittel Aspirin – übrigens in Wuppertal-Elberfeld erfunden, wo der Färbermeister Bayer die Chemieindustrie in die Welt gesetzt hat. Diesem Nibelungenlandstrich entstammen so großartige Erfindungen wie die der Kranken- und Sozialversicherung, siebzig Jahre, bevor sie Bismarck formulieren ließ, der bekanntlich dem Rest der Welt damit weit vorausgeeilt war.

Eine weitere berühmte Erfindung aus diesem Kontext ist der deutsche Kulturbeutel. Psychologisch höchst interessant ist, daß die Soldaten gerade im Bewußtsein der von ihnen verlangten Opferbereitschaft eine in hohem Maße ritualisierte Selbstwahrnehmung entwickelten. Vor dem möglicherweise todbringenden Kampf wuschen und rasierten sie sich noch einmal, putzten die Zähne, gurgelten mit Odol, benetzten sich vielleicht noch mit 4711 Kölnisch Wasser und zogen sich sauber an. Auffällig ist die Übereinstimmung mit gewissen Reinigungsritualen, die Selbstmordatten- täter durchführen, wenn sie beschließen, sich mit einer Bombe in die Luft zu sprengen. Der Kulturbeutel sollte auf Grund seiner physische wie psychische Stabilität gewährenden Kraft und zivilisierenden Wirkung eher „Zivilisationsbeutel“ heißen!

Dem Militärwesen verdanken wir die hochgradige Rationalität der Verwaltung. Eine einzigartige designerische Konsequenz ist der Leitz-Ordner, der zwischen zwei Deckeln auf kleinstem Raum das Größte bewirkt und im Übrigen das bestgestaltete und markanteste Loch der Welt aufweist. Mit seiner Hilfe wurde die Organisationsfähigkeit und Planbarkeit von Operationen gesteigert, so daß auch wirtschaftliche Feldzüge und Abwehrschlachten effizienter bestritten werden konnten.

Die technisch-zivilisatorische Rationalität des Militärs steht in enger Verbindung mit dem Animismus. Gerade die Soldaten verwandeln technische Prozesse zurück in seelische. Sie wissen, ein Gewehr in der Hand zu halten, ist das eine, ein anderes aber, über die psychische Stabilität zu verfügen, den Feind herankommen zu lassen und erst zu schießen, wenn der Effekt garantiert ist. Dies verlangt Kräfte, die mit dem animistischen Potential in Verbindung stehen. Soldaten machen ihre Waffe zur Braut, bemalen ihre Panzer mit Haigebissen, Schlangen und Tigern. Der Bomberpilot sitzt nicht in einem Düsenjäger, sondern gleichsam auf den Schwingen eines Adlers. Der Panzerfahrer lenkt nicht einen Tank, sondern steuert mit einem Leoparden durchs Gelände. Analog hierzu wirkt bis heute nicht die chemische Formel des Putzmittels, sondern Meister Proper. Es kommt nicht von Bayer aus Leverkusen, was den Reinigungseffekt garantiert, es ist vielmehr der Geist aus der Flasche, der als Weißer Riese gegen Mief und Gilb wirken soll. Der gigantische Erfolg des VW-Käfers geht vornehmlich auf das Konto animistischer Potentiale. Und auch der Mercedes-Stern feierte in der Nachkriegszeit weltweit Triumphe im Automobilbau, was selbst Erwin Panofsky (ich sah in ihm immer schon einen wahren „Pan-of-sky“) zu einer Analyse der Stern-Ikonographie bewegte.

In ihren Haushalten entwickeln die Deutschen ein besonderes Verhältnis zu animistisch beseelten Wesen. Ob Kölner Heinzelmännchen oder Fernseh-Mainzelmännchen, immer trifft man auf das Verlangen, kleine Wichte und Kobolde als Wunscherfüller einzusetzen. Märchenhafterweise werden diese Gnome nur zur Befriedigung edler Bedürfnisse eingesetzt! Sie helfen im Haushalt der „guten“, aber überlasteten Hausfrau, die der eigentliche Inbegriff kalkülhaften Planens sein muß. Sie hat die sprichwörtliche „Deutsche Gemütlichkeit“ zu garantieren, was heißt, eine saubere, heitere Atmosphäre zu schaffen, wo durch Melitta-Filter rinnendes stadtwerkgeprüftes Trinkwasser dem heimkehrenden Angestellten als Kaffee entgegenduftet, während die Kinder mit Käthe-Kruse-Puppen spielen, also bereits soziale Formationen einstudieren.

Kinderarbeiter sind die Urbilder der Heinzelmännchen. Als die seit Nibelungenzeiten im Kreise Siegburg betriebenen Bergwerke wegen Erschöpfung der abbaubaren Erzadern schließen mußten, strömten die arbeitslosen Kleinmenschen, die allein für die Arbeit in den engen Schächten geeignet waren, in die nächste größere Stadt, also Köln. Dort schämte man sich in seiner ostentativen christlichen Mildtätigkeit, die armen Kleinen offen auszubeuten. Man verfiel auf den Gewissen mit Tatkraft verbindenden Gedanken, die kleinwüchsigen Illegalen dann eben in der Nacht einzusetzen und damit den Kontrollblicken zu entziehen.

Innerhalb dieser äußerlichen, zum Teil buchstäblich „fabelhaften“ Zuschreibungsmerkmale kann jede einzelne Entäußerung des Deutschseins bewertet werden. Es bildet sich aus der besonderen Mischung von Rationalität und Animismus in Militär und Verwaltung einerseits wie romantischer Wandersucht und Autonomiestreben in Wirtschaft und Gesellschaft andererseits. Letztere Position ergibt zusammengefaßt den Gemütlichkeitsmief in altdeutschen Wirtsstuben – erstere vereinen sich zur singulären Gestalt des expressionistischen Paragraphenreiters. Heute sind das die erlaß- und vorschriftengläubigen Öko-Fundis und die qualmenden Party-Griller auf den vermüllten Liegewiesen der städtischen Naherholungsgebiete.

Eine auffällige Besonderheit in der Ausprägung von Deutschsein sei noch erwähnt. Zwar haben deutsche Generalstäbler ganz entscheidend zur Entwicklung des modernen strategischen Denkens beigetragen, aber es im Zweiten Weltkrieg selbst nicht berücksichtigt. Daß Hitler nach der Verabschiedung von Brauchitsch‘ die Strategen entmachtete, zugunsten kindischer Erwartung von Hauruck-Siegen, war nur folgerichtig, denn strategisch zu denken ist nur für den sinnvoll, der nicht deshalb zu siegen glaubt, weil er sich für den Stärkeren hält, sondern der mit den Stärkeren zu rechnen versteht. Strategen fragen sich, was zu tun sei, wenn die Durchsetzung des eigenen Willens nicht gelingt. Erst die Militärs und nicht schon die Lehrer des richtigen Lebens haben darüber nachgedacht, wie man durch Scheitern klug wird, nämlich durch das Scheitern Formen des Gelingens erreicht, also nicht nur folgenreich, sondern erfolgreich scheitert. Dieses strategische Denken führten die aus Krieg und Gefangenschaft ins Zivilleben zurückkehrenden jungen Obersten als Anwärter auf hohe Führungsposten in die deutsche Nachkriegswirtschaft ein. Ihr strategisches Vermögen als Unternehmer und Manager ließ schon zehn Jahre nach Kriegsende die Wirtschaft des geschlagenen Deutschland in den Augen der überanstrengten Sieger wie einen Gewinner des Krieges aussehen.

Kultur versus Zivilisation

Die Geschichte der Deutschen seit den Freiheitskriegen, das heißt seit dem Kampf gegen die napoleonische Unterwerfung Europas, wurde im wesentlichen durch die radikale Konfrontation von zivilisatorisch gemeinter Universalisierung und kulturalistisch behaupteter Regionalisierung bestimmt. Beide Kräfte waren den Deutschen aus teuer erkauften Erfahrungen und den sie begleitenden kollektiven Traumatisierungen Schrecken und Hoffnung zugleich. Für die kulturalistisch-religiöse Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken stand der Dreißigjährige Krieg; die heilende friedensstiftende Kraft transreligiöser und transkultureller Ordnungen riefen die Deutschen in schwärmerischen Erinnerungen an das mittelalterliche Kaisertum zwischen Otto dem Großen und Friedrich II. von Hohenstaufen an. In praktischer Demonstration führten ihnen aber der Humanismus Kants und das Weltbürgertum Goethes vor Augen, wie eine wünschenswerte Zivilisation jenseits religiöser Bekenntnisse und kulturellen Provinzialismus‘ aussehen könnte. Es ist eine geschichtliche Tragödie, daß die Deutschen (vor allem im Verein mit den Russen) ausgerechnet gegen die Durchsetzung der napoleonischen Vision einer zivilisierten Welt auf der Basis des Gesetzeswerkes Code Napoléon nicht nur patriotische, sondern chauvinistische, auf jeden Fall kulturalistische Kräfte mobilisierten. Die Chimäre eines Nationalstaats deutscher Kultur und Zunge wurde mit den grauenhaftesten, weil so entmenschlichenden Kennzeichnungen des französischen Gegners gemästet, wie man sie erst nach 1933 gegenüber den Juden wieder zu äußern wagte. (10) 1806 dichtete der Nationalheld Karl Theodor Körner:

„Heran, heran zum wilden Furientanze! Noch lebt und blüht der Molch! Drauf, Bruder, drauf, mit Büchse, Schwert und Lanze, drauf, drauf mit Gift und Dolch! Was Völkerrecht? Was sich der Nacht verpfändet, ist reife Höllensaat. Wo ist das Recht, das nicht der Hund geschändet mit Mord und mit Verrat? Sühnt Blut mit Blut! Was Waffen trägt, schlagt nieder! ‘s ist alles Schurkenbrut! Denkt unseres Schwurs, denkt der verratenen Brüder, und sauft euch satt in Blut! Und wenn sie winselnd auf den Knien liegen und zitternd um Gnade schreien, laßt nicht des Mitleids feige Stimme siegen, stoßt ohn‘ Erbarmen drein! Und rühmen sie, daß Blut von deutschen Helden in ihren Adern rinnt: die können nicht des Landes Söhne gelten, die seine Teufel sind. Ha, welche Lust, wenn an dem Lanzenkopfe ein Schurkenherz zerbebt und das Gehirn aus dem gespaltnen Kopfe am blutigen Schwerte klebt! Welch Ohrenschmaus, wenn wir beim Siegesrufen, von Pulverdampf umqualmt, sie winseln hören, von der Rosse Hufen auf deutschem Grund zermalmt! Gott ist mit uns! Der Hölle Nebel weichen; hinauf, du Stern, hinauf! Wir türmen dir die Hügel ihrer Leichen zur Pyramide auf. Dann brennt sie an! Und streut es in die Lüfte, was nicht die Flamme fraß. Damit kein Grab das deutsche Land vergifte mit überrhein’schem Aas!“

Von dieser Aufforderung, aus patriotischer Pflicht das Recht zu mißachten, kein Pardon zu gewähren, Schädel zu zertrümmern, bis das Gehirn an der eigenen Waffe klebt, und die Leichen der Feinde im großen Brandopfer spurlos zu beseitigen, hat sich Deutschland als Kulturvolk bis 1945 nicht wieder erholt. Der Weg zur zivilisatorischen Mäßigung oder gar Umorientierung war verschlossen, weil für die zivilisatorischen Kräfte zumal seit 1789 die französische Nation stand, der man als „Erbfeind“ nicht eingestehen durfte, Deutschland selbst gern zu einer von Wissenschaften und Künsten, von Technologie und Medizin, von extrem leistungsfähiger Verwaltung und beispielhafter Infrastruktur getragenen Zivilisation entwickeln zu wollen. Man war gezwungen, um der Erbfeindschaft willen auf dem Gegenbild berserkerhafter germanischer Kraftmeierei von kulturellen Ansprüchen zu beharren, die welteinmalig seien. Die Franzosen vernahmen dieses kulturalistische Pathos mit Fassungslosigkeit. Die Konstellation „Wagner, Richard Strauß, Nietzsche, Wilhelm II. – das roch ihnen nach neronischen Möglichkeiten“, wie Romain Rolland die zivilisierte Welt wissen ließ. Und Wilhelm II. bestätigte zum Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem Auftrag an das deutsche Militär, sich in China aufzuführen wie die Hunnen, im Mittelalter der Schrecken der Völker, es getan hatten, die schlimmsten Befürchtungen. Der kaiserlichen Verpflichtung zur Barbarisierung als Kulturpflicht der Deutschen folgte dann mindestens die Hälfte der Deutschen, wenn auch im heiligen Schauder.

Für die Spaltung der Deutschen in die Mehrheit national-religiöser Kulturkämpfer und die kleinere Gruppe der Verfechter einer universalen Zivilisierung der Kulturen stand auf höchstem intellektuellem und literarischem Niveau die Konfrontation der Brüder Thomas und Heinrich Mann.

Thomas Mann veröffentlichte gleich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs seine „Betrachtungen eines Unpolitischen“, an denen er während der vier Kriegsjahre geschrieben hatte.

Zugleich erschien Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, mit dem er bereits vor Ausbruch des Krieges die wilhelminische Barbarei so zutreffend analysiert und dargestellt hatte, wie das erst nach dem Kriege allgemein verstanden werden konnte. Die Positionen der beiden Brüder wurden denn auch als die prinzipielle Unversöhnbarkeit von Zivilisationsliteraten und Kulturkämpfern behauptet. Thomas Mann hatte die charakterliche Stärke und geistige Größe, 1923 die Unhaltbarkeit seiner Position nach dem Gebaren der Deutschen im Ersten Weltkrieg einzugestehen. Bis zum Ende seiner Tage vertrat er den Primat einer universalen Zivilisation gegenüber allen wie auch immer begründeten kulturalistischen, religiös-fundamentalistischen oder politisch-totalitären Regimes.

1923 begann dann Hitler mit der Abfassung von „Mein Kampf“, einer genauer nicht denkbaren Parallele zu den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ – allerdings geschrieben von einem Illiteraten, der seiner Überwältigung durch wagnerianische Musik- und Bühneneindrücke nichts entgegenzusetzen hatte als ein wenig, allerdings bemühte Karl-May-Lektüre. (11)

Heinrich Manns Romane fragen nach dem Gelingen der Säkularisierung und dem Scheitern der Zivilisierung der Kulturen. Er erkennt als einer der ersten, daß die fundamentalistischen Kulturalisten das Regime in Deutschland übernommen hatten und die Errungenschaften der über fast zweihundert Jahre hart umkämpften Aufklärungsbewegung peu à peu zerschlagen wurden. Doch was trägt das bei, um heute einen aufgeklärten, das heißt der Zivilisierung verpflichteten Europäer zu definieren?

Erstens: Wir sind nur Europäer, wenn wir das Prinzip „Autorität durch Autorschaft“ (Brock), also das der strikten Individualität und Subjektivität als Begründung von Aussagenautorität anerkennen. Das ist seit dem 14. Jahrhundert originär europäisch. Von der Antike bis über das Mittelalter hinaus ging Autorität stets vom Clanchef, Familienvater, Lehrer, Stammesführer, von Sitten und Traditionen aus. Es gab ausschließlich diese sechs Quellen von Autorität. Im Gegensatz zu allen anderen Kulturen brachte Europa jedoch mit Renaissance und Humanismus unzählige Quellen der Autorität hervor, nämlich so viele, wie Autoren publizierten und wahrgenommen wurden. Die europäische Hervorbringung von Künsten und Wissenschaften verdankt sich dem Prinzip „Autorität durch Autorschaft“. (12)

Zweitens: Letztbegründungen gelten nicht mehr aus der Behauptung von definitivem Wissen oder von göttlicher Offenbarung, sondern leiten sich ausschließlich aus formalen, rechtstaatlich gesicherten Verfahren her. Wer sich nicht durch Verfahren, zum Beispiel als jederzeit wiederholbare Aktivierung von wissenschaftlichen Experimenten, legitimiert, hat wenig Chancen der Anerkennung als Europäer. Rechtstaatlichkeit zur Sicherung der Legitimation und Ausweis der experimentellen Verfahren wie ihrer als wissenschaftlich verbreiteten Ergebnisse sind unabdingbar. (13)

Drittens: Alle Strategien der Überprüfung von Aussagen müssen dem Verfahren der Reflexivität unterworfen werden. Sie müssen im Selbstbezüglichkeitsverfahren den Kriterien ausgesetzt werden, die sie anderen gegenüber in Anschlag bringen. Aussagenansprüche gelten als Hypothesen, die durch den Versuch der Widerlegung erprobt werden müssen. Man arbeitet also mit der Falsifizierbarkeit von Hypothesen (Popper) und der prinzipiellen Unzulänglichkeit von Behauptungen, die deswegen immerfort überprüft und modifiziert werden müssen und nicht im Rückgriff auf höhere Wahrheiten religiöser Offenbarung oder weltliche Machtgebote gestützt werden dürfen.

Viertens: >Wer fundamentalistische, dogmatische und totalitäre Durchsetzung von religiös-kulturalistischen Wahrheiten vermeiden will, muß als Europäer allen Kulturen und Religionen seinen Respekt erweisen. Das gelingt nur durch Musealisierung, weil gerade im Museum die Möglichkeit geboten wird, einzelne, ja singuläre Leistungen von Kulturen und Religionen durch den Vergleich mit anderen herauszuarbeiten und anzuerkennen, und zwar selbst dann, wenn diese kulturell-religiösen Zeugnisse auf bereits untergegangene Gesellschaften verweisen. (14)

Da die Institution Museum weltweit als einzig unbestrittene Errungenschaft des Westens anerkannt und zu guten Teilen bereits übernommen worden ist, darf man hoffen, daß sich noch so dogmatisch-fundamentalistische Verfechter des Vorrangs ihrer eignen Kultur vor allen anderen Kulturen mit der Zeit, wenn auch langsam, langsam zur Anerkennung bereitfinden werden, daß ihrem Wunsch nach dem Primat der eigenen Überzeugungen besser durch den Vergleich mit anderen Prätendenten auf Einmaligkeit ihrer religiös-kulturellen Weltsichten gedient wäre.

Kultur geht stets davon aus, im Recht zu sein; die „anderen“ sind die Feinde. „Wir sind wir“, glauben Kulturalisten, wohingegen zivilisierte Menschen sich auf eine Ebene stellen, auf der alle Beteiligten bekunden, gleichermaßen nichts Absolutes zu wissen und gerade deswegen sich zusammenfinden zu müssen, weil alles, was Menschen tun, nur zu einer Verwandlung ihrer Probleme führt. Alles, was wir angehen, wird am Ende noch unbestimmter, unbekannter, rätselhafter, komplexer, als es ohnehin der Fall ist. Was bleibt dann zu tun? Man hat endlich einen triftigen Grund, sich mit denen zusammenzuschließen, die sich gemeinsam der Unlösbarkeit der Probleme widmen, also dem Anspruch der Wirklichkeit.


Anmerkungen

(1) Brock, Bazon; Giersch, Ulrich; Burkhardt, François: Im Gehen Preußen verstehen. Ein Kulturlehrpfad der historischen Imagination, Berlin 1981.

(2) Siehe Kapitel „Rettungskomplett – Gorgonisiert Euch!“.

(3) Stalin war seit seiner frühesten Ernennung zum Kommissar für die Volkstumsfragen sehr bewußt, daß der Sozialismus als Staatsdoktrin nur so lange ungefährdet bleiben würde, wie mit allen Mitteln sichergestellt werden konnte, daß die religiös-kulturellen Differenzen der zahllosen Kultur- und Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion unter strikter Kontrolle gehalten werden könnten. Das dritthöchste Kultzentrum des Islam, zu dem sich die Kaukasusvölker der SU überwiegend bekannten, war die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem; dort huldigte man dem Abdruck der rechten Hinterhuf von Mohammeds Roß im Akte des Aufstiegs gen Himmel. Schukow in Analogie zu diesem Ereignis zu präsentieren, war mehr als riskant; mit Schukow verschwand auch das 1946 fertiggestellte Gemälde seines historischen Triumphes aus den Schauräumen des Museums.

(4) Siehe Kapitel „Selbstfesselungskünstler gegen Selbstverwirklichungsbohème“.

(5) „Der Begriff deutsch steht selbst unter Deutschen keineswegs fest. Hervorragende Führer haben sich vergebens bemüht zu definieren, was eigentlich deutsch sei. Sie widersprechen einander alle. Fichte kam dem Problem am nächsten. Deutsch sein heißt originell sein, fand er. Und da er Lutheraner war, bedeutete das, die Originalität bestehe im Bruch mit der Tradition, in jenem stets neu und von vorn beginnen, das den Kanon verneint, statt ihn auszubauen, das den Gedanken bekämpft, kaum daß er gefunden ist. Deutsch sein heißt quer zu beugen, um sich die ‚Freiheit‘ zu wahren. Deutsch sein heißt babylonische Türme zu errichten, auf denen in zehntausend Zungen der Eigensinn Anspruch auf Neuheit macht; deutsch sein heißt renitente Systeme voller Sophistik ersinnen, aus einfacher Furcht vor Wahrheit und Güte.“ Ball, Hugo: Formen der Reformation, S. 129 f. in: Bernd Wacker (Hg.): Dionysius DADA Areopagita. Hugo Ball und die Kritik der Moderne. Paderborn, München, Wien, Zürich, 1996, S. 226, Fußn. 51.

(6) In der „Frühlingsfeier“ (1759) des Goethe-Vorläufers Klopstock findet sich der Leser als derjenige angesprochen, der das Erlebnis religiöser Erhebung selbst noch im „Frühlingswürmchen“ erblickt: Gott ist überall – und wir sind selbst ein Ausstrom des Göttlichen: „Da der Hand des Allmächtigen // Die größeren Erden entquollen, // Die Ströme des Lichts rauschten und Siebengestirne wurden, // Da entrannest du, Tropfen, der Hand des Allmächtigen!“ in: Klopstock, Friedrich Gottlieb: Klopstocks Werke in einem Band (=Bibliothek der Klassiker). Berlin, Weimar 1979, S. 45 f. Klopstocks erlebnislyrische Ode kehrt im „Leiden des jungen Werthers“ wieder; zuvor jedoch feiert Werther in dem ersten Brief an den Freund die pantheistische Verschmelzung mit der allumschließenden Herrlichkeit der Natur: „Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Allliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält.“ in: Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. In: ders., Werke (=Hamburger Ausgabe), Bd. 6, München 1998, S. 9.

(7) Dazu die Übersetzung von Heils-, Grals- und Sinnsuchern als quester/questioner legend; die angelsächsische Tradition vermag die Artuslegende (ein Yankee am Hofe König Artus’) nicht mit der Sozialbiographie des weisen Toren, des Hofnarren, Eulenspiegel oder Schwejk, zu verbinden.

(8) Siehe Kapitel „Uchronie – Ewigkeitsmanagment“.

(9) Siehe Kapitel „Rettungskomplett – Gorgonisiert Euch + Ewigkeitskosten!“ Darin: der Gedanke des Rettungswerkzeuges und der Pragmatologie.

(10) Brock, Bazon: Der Deutsche im Tode. In: ders., Die Gottsucherbande. Ästhetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit. Köln 1986, S. 65 ff.

(11) Zu Manns „Bekenntnissen eines Unpolitischen“: „Er berief sich auf die ‚Innerlichkeit’, die machtgeschützte – jene Formel fand sich erst später ein – er bestand darauf: ‚Ich will nicht Politik. Ich will Sachlichkeit, Ordnung und Anstand. Wenn das philisterhaft ist, so will ich ein Philister sein. Wenn es deutsch ist, so will ich denn in Gottes Namen ein Deutscher heißen, obgleich das in Deutschland nicht Ehre bringt.‘ Nichts, nahezu nichts ließ er aus, was sich hernach im Katalog der ‚Volksgemeinschaft‘ wiederfand.“ In: Harpprecht, Klaus: Thomas Mann. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 1995, S. 415.

(12) Ein Kupferstich von Albrecht Dürer 1526 zeigt Erasmus von Rotterdam am Schreibpult in seinem Studierzimmer, zur Linken Notizzettel, ein aufgeschlagenes Buch und Hinweise auf weitere Bibliotheksbestände. Im Hintergrund, vom rechten Schreiberarm des Erasmus überschnitten, sehen wir eine gerahmte Tabula, durch deren Inschrift dem Betrachter versichert wird, daß Dürer das Porträt in unmittelbarer persönlicher Konfrontation mit dem Porträtierten angefertigt habe. Das Abbild soll also als authentisch verstanden werden. Die griechische Zusatz-Inschrift verweist auf den Unterschied zwischen dem Bildnis als Abbild (effigie) und dem Bildnis als Repräsentation eines Geltungsanspruchs (imago, heute Image), wobei das Image von Erasmus in erster Linie durch seine Arbeit als Schriftsteller begründet werde, und nicht durch seine individuellen Gesichtszüge.

(13) Vgl. Werner Büttners Arbeit „Deutscher Geist“, 14 Holzschnitte von 1983.

(14) Siehe Kapitel „Musealisierung als Zivilisationsstrategie – Avantgarde – Arrièregarde – Retrograde“.