Der Barbar als Kulturheld
Bazon Brock III: gesammelte Schriften 1991 - 2002, Ästhetik des Unterlassens, Kritik der Wahrheit - wie man wird, der man nicht ist.
Klappentext, bibliografische Angaben oder Entsprechendes
Bis in die sechziger Jahre wurden nur Vertreter des "künstlerischen Terrorismus" (Richard Wagner) als Kulturhelden gefeiert - so besangen Futuristen Bombenexplosionen; Brandvisionen und Zerstörungsorgien wurden zu Bühnenereignissen. Danach verehrten die Kulturgemeinschaften bombenwerfende Kämpfer, die sich ihrer barbarischen Mittel wegen des großartigen Zwecks, der Verbesserung der Welt, bedienten. Seit 20 Jahren untersucht Bazon Brock den Barbaren als modernen Kulturhelden. Seine Darstellungen sind umso wichtiger, als täglich an vielen Orten von Nordirland bis Palästina systematisch und kontinuierlich solche Barbaren in Aktion treten und als Märtyrer ihrer Kulturen gefeiert werden.
Bazon Brock hat im vergangenen Jahrzehnt mit Schriften, Ausstellungen, Filmen, Action Teachings die Barbarisierung in allen Lebensbereichen, in den Künsten und Unterhaltungsgenres aufgespürt. So wie in der Vergangenheit werden sich seine Prognosen wieder als treffsicher erweisen. Der 1986 prognosti zierten Herrschaft der "Gottsucherbanden" und dem Anfang der achtziger Jahre gegeißelten Fundamentalismus in Kunst und Kultur setzt Brock die "Zivilisierung der Kulturen" entgegen. Seine Ausgrabung Berlins als "Troja unseres Lebens" stimuliert Kulturbosse zur Nachrede; von der neuronalen Begründung der Ästhetik war bei ihm schon die Rede, als dies heutige Verfechter noch für Blödsinn hielten. Seine Avantgardetheorien und Bestimmungen des Ästhetischen erwiesen sich als nachhaltiger als die der linken und rechten Seilschaftskonkurrenz.
Seite im Original: 427
IV.2 Neuronale Ästhetik – Bilderkriege. Eine Einführung.
I. Bilderkriege
Die Diskussionen um das Bild, seine Funktion und seine Lesbarkeit, sind neu entflammt - in den Naturwissenschaften. Triumph oder Niederlage für die Kunst?
1. Gegenwärtig machen immer mehr Naturwissenschaftler die Entdeckung, daß die eigentlichen Gegenstände ihrer Arbeit von ihnen selbst hergestellte Zeichengefüge als Bilder, Texte und Modelle sind. Ob Röntgenbild oder Aufnahme des Positronenemissionstomographen, ob zeichnerische Darstellung der Funktion von Enzymen oder grafische Darstellung komplexer Systeme im Organogramm eines zu bauenden Güterbahnhofs - immer und überall werden Bilder gelesen, Begriffe gebildet und mit ihnen hantiert, Modelle als Veranschaulichungen gebaut und experimentell modifiziert.
Astro- und Kleinteilchenphysiker gehen mit Metaphern ('schwarzes Loch', 'Quark' oder 'Glue') um wie früher die Lyriker mit der schwarzen Milch der Frühe. Die großen Attraktoren und die schwachen Wechselwirkungen wanderten aus der Bildhauerei, dem Theater und dem Kommunikationsdesign in die Mathematik und andere Bildgebungsverfahren mit universeller Geltung ab. Dabei bleibt es zweifelhaft, ob das Gros heutiger Naturwissenschaftler im Umgang mit der Metapher und dem Bild des Attraktors weiterkommt, als die Theaterautoren und Schnulzensänger mit dem großen Attraktor Liebe gekommen sind. Wer den Flirt als schwache Wechselwirkung und die Interpretation als leistungsfähige Koppelung von Systemen darstellt, findet als Poet Aufmerksamkeit. Es ist schwer zu sagen, ob die Normalwissenschaft mehr bietet als die Poesie der Naturbetrachtung. Nicht nur Heidegger liest man mit Gewinn als Gedankenlyrik; die Lehrbücher der Molekularbiologen sind die anregendsten Bilderbücher des Zeitgeistes, und der Dadaismus oder Surrealismus von Max Ernsts 'Histoire Naturelle' findet heute seine Konkurrenz unter Wissenschaftstheoretikern und Gehirnverpflanzern.
Wissenschaft heißt heute Zeichenproduktion und Umgang mit diesen Zeichen, wie es die Künste seit 600 Jahren taten. Ein ungeheuer differenzierter, leistungsfähiger, erkenntnisstiftender und meinungsmanipulierender, machthöriger und machtkritischer Gebrauch. Und der Nutzen war stets ambivalent und ambiguitär, antinomisch und paradox; aber es gelang, selbst aus der Augentäuschung noch den Genuß des Durchschauens der Täuschung abzuleiten, Angst und Lust im gleichen Augenblick zu evozieren; Differenzen aufzuladen, wie z.B. die nur im Bild mögliche Unterscheidung von Bild und Abgebildetem, von Zeichen und Bezeichnetem - eine Differenz, die in jedem Bildersturm und Bilderkrieg blutige Realität wurde. Heute führen die Wissenschaften solche Bilderkriege, und der Realitätshaltigkeit der Differenz zwischen Genomdarstellung und Menschenbild wird jedermann ausgesetzt, mag er sich noch so sehr wehren, den vermeintlichen Spitzfindigkeiten von Genetikern und Pharmazeuten Bedeutung zuzugestehen. Früher wehrte man sich so gegen die vermeintlichen Spitzfindigkeiten von Kunsttheorien und Künstlerphilosophen, die seit 1500 unter dem Programmnamen 'ut pittura poesis' (auch künstlerisches Schaffen führt zu wissenschaftlicher Erkenntnis) firmiert. Heute lautet das Programm 'ut scientia poesis' (auch Wissenschaft ist eine Form der ästhetischen Produktion).
Also liegt die Frage nahe, ob nicht die Künste mit ihrem sechshundertjährigen Erfahrungsvorsprung im Umgang mit selbstproduzierten Zeichengefügen den Naturwissenschaftlern, die damit gerade beginnen, einigermaßen von Nutzen sein könnten - sowohl bei der Vermeidung neuer Glaubenskriege aus der Gewalt naiver Begriffs- und Bildgläubigkeit als auch bei der demokratischen Selbstbeschränkung eines Wirkungsanspruches, dessen Fatalität im Programm 'Der Staat als Gesamtkunstwerk' traurige Berühmtheit der Künste hervorbrachte. Vielleicht ist doch noch zu vermeiden, daß ein analoges Programm 'Die Welt als gesamtwissenschaftliches Konstrukt' den teuflischen Triumph des Wissenschaftlers als Schöpfergottimitator zeitigt. In diesen Imitationskünsten, der 'imitatio dei es christi', waren Künstler einst Meister - Großmeister des Katastrophendesigns. Aber was sind schon Bosch und Picasso, der Weltgerichts-Michelangelo, Füssli und Artaud gegen die ABC-Schützen heutiger Wissenschaften.
2. 1977 erschien die englische Erstausgabe des Buches 'The Self and Its Brain' von Karl Popper und John Eccles. Von den im virtuellen und realen Dialog geführten Erörterungen der Autoren habe ich mich damals, bei sibirischer Kälte an der finnischen Südküste neben Eislochanglern sitzend, ködern lassen. Die verlockendsten Happen waren die glänzend verpackten Theoreme, daß auch nicht verkörperter Geist hypothetisch postuliert werden müsse und daß die Verkörperung des Geistes in den Funktionstypiken unseres Gesamtnervensystems nicht einmalig sei. Popper und Eccles gingen ausführlich auf Sperrys Experimente der frühen 60er Jahre ein, in denen er bei Epileptikern, die von ihrer Krankheit schwer beeinträchtigt waren, die Brücke zwischen den beiden Hirnhemisphären durchtrennte, um dann systematisch zu untersuchen, welche Auswirkungen dieser Eingriff auf Wahrnehmung/Bewußtsein und Kommunikationsfähigkeit der Patienten hatte. Vor allem ging es um die sprachliche Koppelung von Bewußtsein und Kommunikation und dabei wiederum um die Kooperation der verschiedenen links- und rechtshemisphärischen Leistungszentren, also um den Zusammenhang von Wahrnehmung, Denken, Fühlen, Vorstellen als intrapsychische Prozesse bei der Verkörperung im Schreiben und Lesen von Wörtern und Bildern.
Meine Fragen an die Autoren lauteten: Müssen die seit dem 19. Jahrhundert untersuchten Synästhesien, aus denen z.B. Richard Wagner die Unumgänglichkeit des Gesamtkunstwerkes schlußfolgerte, nicht nur so verstanden werden, daß sie gattungsspezifische Zuordnungen von Sprachformen (Literatur, Musik, Malerei etc.) als haltlose Willkür, also als rein konventionell erkennbar werden ließen; mußte nicht vielmehr angenommen werden, daß bei jeder Wahrnehmungsaufgabe alle Leistungszentren der Hirnrinde aktiviert wurden - also beim Lesen auch die Leistungszentren für das Hören, für das Bilderanalysieren und -synthetisieren usf.? In Frage standen also die Kooperationsformen der Leistungszentren, wenn tatsächlich der menschlichen Wahrnehmung zur Aufgabe gemacht wurde, nur einen Text zu lesen oder zu hören, ein Bild als Gemälde zu betrachten oder vorzustellen, Formen oder Volumen haptisch zu erfassen. Meine Annahmen orientierten sich am Modell von in kürzesten Zeitfolgen beständig wechselnden Dominanzhierarchien die 'bottom up and top down'-Aktivierungen gleichzeitig und mit Bezug aufeinander ablaufen können und darüberhinaus die neuronalen Aktionspassepartouts definierbar blieben.
Natürlich stellte ich diese und eine Reihe anderer Fragen an die Neurophysiologen und ihre Gesprächspartner nicht in der Absicht, mich auf ihrem Arbeitsfeld selber zu betätigen, sondern um herauszufinden, welche Konsequenzen deren Problematisierungen für die ästhetischen Fragestellungen haben könnten. Dabei waren vor allem Fragestellungen mit sozial-psychologischen und kulturpolitischen Schlußfolgerungen von Interesse. Ich vermutete, daß mit naturwissenschaftlicher Argumentation den Unsinnigkeiten und Bösartigkeiten der Kunstrezeption nachdrücklicher begegnet werden könne als mit den herkömmlichen kunstwissenschaftlichen oder philosophischen Begründungen. Der pathetische Appell "Künstler bilde, rede nicht" - eine komplette Verfälschung von Goethes Begriff, der heute bildnerisches Denken heißt - wurde zumeist hämisch und besserwisserisch gegen Künstler gewendet, die schon in der Materialisierung ihrer Werke bekundeten, daß die Autonomie der optischen Wahrnehmung bei der Bildbetrachtung eine Fiktion ist. Man unterschob diesen Künstlern, nur aus persönlicher Unfähigkeit oder in programmatischer Täuschungsabsicht Wort-Bild-Ton-Kombinationen als Materialkollagen vorzuführen, um den Betrachter mit Begriffen und Konzepten zu terrorisieren, weil sie unfähig seien, sich im Werk und als Werk eindeutig auszuweisen - und mit denen sie deshalb, abstrakt daherplappernd, den Betrachter überzogen. Ich hoffte, die ständigen Vorwürfe, das künstlerische Denken und Gestalten seien entartet und der Dilettantismus sabotiere anmaßend den Kanon traditionell gesicherter Ausdrucksformen der Künste, würden langsam verstummen, wenn sich mit Hinweis auf die neurophysiologischen Entdeckungen der Funktionsweisen unseres 'Weltbildapparats' (von Holst/K.Lorenz) und die Einsichten der Verhaltensforschung sowie die Naturgeschichte menschlicher Erkenntnisformen herumspräche, wie nahe die experimentellen Künste den naturwissenschaftlich begründeten Annahmen über die Natur unseres menschlichen Selbst- und Fremdbezugs gekommen waren; und ich hoffte, daß die Achtung und Beachtung des Erkenntnisgewinns durch künstlerische Gestaltung Wissenschaftler animieren würde, intensiver mit Künstlern zusammenzuarbeiten.
Natürlich bleiben diese Annahmen naiv; denn als ich am 27.10. 1978 den versammelten Teilnehmern des Steirischen Herbstes in Graz 'Die neurophysiologischen Grundlagen jeder Ästhetik' zu demonstrieren versuchte, fand das auch bei Künstlern und Kunsttheoretikern keinerlei Resonanz. Das hat sich bis heute nicht geändert, denn die gegenwärtig modische Attraktivitat von Linkshirn- und Rechsthirntypiken oder ähnlichem zeigt überdeutlich, daß man nur eine Autorität durch eine neue ersetzen will, aber keineswegs gesonnen ist, die Problematisierungsleistung der Neurologie oder Molekularbiologie auf sich selbst anzuwenden - also zu erkennen, daß jenes wissenschaftliche Arbeiten seinerseits auch eine ästhetische Operation ist gegen die dieselben Einwände erhoben werden müssen und für die die gleichen Einschränkungen gelten wie für jede andere - sei es die Umsetzung einer Architekturzeichnung in einen Bau, einer Wirtschaftstheorie in die Wirtschaftspolitik, einer Vorstellung ins gemalte Bild, einer Anschauung in den Begriff oder generell von Produktionen der Bewußtseine in Kommunikation über sprachliche Vermittlung.
Mit der 'Neuronalen Ästhetik' soll der Versuch gekennzeichnet werden, die begriffliche Fassung neuronaler Prozesse selber als ästhetische Operation zu entfalten und über korrespondierende Analogien zwischen 'natürlichen', alltäglichen, jedermann von Natur aus beherrschbaren Aktivierungen seines Weltbildapparates und den weltbildkonstituierenden Operationen der Wissenschaftler und Künstler, die ja auch nur über denselben Apparat wie jedermann verfügen, erweiterte und modifizierte Konfrontationen des Geistes und des Prinzips Leben mit ihren Verkörperungsformen zu schaffen.
Fazit: Nehmen wir an, wir wüßten, wie wir neuronal und biochemisch funktionieren, dann würde diese Kenntnis (abgesehen von ihrer Verwendung zur Restituierung medizinisch konstatierter Defekte) doch 'auch nur' zu einer Organoptimierung verwendet werden können. Genau um diese Optimierungen geht es aber ohnehin in den künstlerischen oder wissenschaftlichen Strategien, von unseren Gehirnen Gebrauch zu machen.
II. Neuronale Ästhetik
von Bazon Brock und Olaf Breitbach
"Die uns zugängliche Welt ist die Realität des Anschauens. Anschauen ist aber nichts Passives. Die Anschauung realisiert sich im Gehirn. Eine Ästhetik, die verstehen will, was und wie wir sehen, das heißt, wie wir uns in unsere Welt finden, muß damit eine neuronale Ästhetik sein. Nicht das Resultat, das stehende Bild, sondern der Vorgang der Verbildlichung, in dem sich die Wahrnehmung generiert, versichert diese der Realität, aus der heraus wir unser Wahrnehmen fundieren können. Die Anschauung wird durch Anschauung erweitert."
Die uns zugängliche Welt ist die Realität des Anschauens. Anschauen ist aber nichts Passives. Die Anschauung realisiert sich im Gehirn. Eine Ästhetik, die verstehen will, was und wie wir sehen, das heißt, wie wir uns in unsere Welt finden, muß damit eine neuronale Ästhetik sein. Eine neuronale Ästhetik kann nun das Nervengewebe nicht einfach als Übersetzungsmaschinerie betrachten, in der ein komplex strukturiertes Außen in den hirneigenen Sprachcode der neuronalen Physiologie transformiert wird.
Verdeutlichen wir uns zunächst, was schon auf der ersten Ebene des 'Wahrnehmens' geschieht. Ein Anstoß der Sinne wird unabhängig von seiner physikalischen Qualität in die immer uniforme 'Sprache' der Nervenzellen umgesetzt, in der von der Qualität dieses Außen nichts zu erkennen ist. 'Was' registriert wurde, wird allein dadurch definiert, daß eine durch einen Außenreiz initiierte Aktivierung in festgelegten Bahnen über eine Kette von Nervenzellen an einen bestimmten 'Ort' im Hirn geleitet wird. Auch ein Faustschlag auf das Auge läßt uns etwas - wenn auch nur wenig Strukturiertes - 'sehen'. Die Sinneszellen werden durch den Schlag deformiert, reagieren und werfen eine Erregungstransferkaskade an, an deren Ende die hirneigene Verrechnung registriert: Das Auge meldet sich, also sieht man - Licht. Ein Außenreiz im Hirn wird also nicht einfach abgebildet. Das Hirn ist nicht tot, ehe es, von den Erregungsschüben etwa solch eines Faustschlages geweckt, zu einer ersten Aktivität findet. Ein 'Etwas' im Außenraum, das sich im Hirnorgan 'repräsentiert', bindet sich dort in ein Ping-Pong-Spiel von binneninduzierten Erregungsschüben ein. Die Erregungsschübe des 'Innenraums' sind in genau dem Code formuliert, in dem auch der Außenreiz schon nach dem ersten Schritt seiner Passage über die Sinne gefaßt wird. Ein derartig in das Gehirn eingebundener 'Neueingang' wird in diesem Auf und Ab der hirneigenen Erregungsschübe gewichtet. Er stößt in dem Gefüge der Elemente neue Kombinationen an. Trifft er damit in ein nicht schon zu festgefahrenes Eigenbestimmungsverhalten, kann er die Erregungstextur des Hirngewebes lokal verändern.
Das Hirn 'entdeckt' damit dann etwas 'Neues' in sich selbst. In diesem 'Außer-Phase-Setzen' wird im Hirn das Außen wahrgenommen.
Im Hirn finden wir Bereiche, die sehr dicht an Sinnesorgane gekoppelt sind. Doch in anderen Bereichen der Hirnrinde streut die Erregung sehr rasch in sogenannte assoziative Bereiche hinein. Auch dort warten die Nervenzellen nicht stumm auf eine etwaige Erregungseingabe. Vielmehr stehen die Nervenzellenbereiche fortwährend 'unter Strom'. Eine Fülle von vormaligen 'Reizungen' haben schon immer eine Binnencharakteristik definiert. Die 'Eingaben' lagern sich dem binneninduzierten Erregungsniveau auf, können dieses unter Umständen neu wichten, Gleichgewichtszustände in dem hirneigenen Erregungsraum verschieben und so in dem hirneigenen Erregungsgefüge etwas für dieses 'Neues' induzieren. Solch eine 'Neuheit' können wir dann als Außen erleben. Das als Außenwelt erlebte Ereignis im Kopf ist eine neue Erregungsphase in den komplex ineinandergreifenden Funktionsweisen des Hirngewebes. Die Wahrnehmung ist subjektiv; objektiv wird sie uns, wenn wir das Substrat begreifen, in dem sich dieses Wahrnehmen formiert. Wir können dieses Subjekt nun sezieren und dann im offen liegenden Hirnapparat einzelne Momente dieses Subjekts bestimmen. Doch greifen wir damit in ein totes Gefüge, in dem die Einzelreaktionen aus dem ganzen offensichtlich schon herausgelöst sind. Wir benötigen hier ein Schema, das uns die Struktur konturiert, in die wir diese Einzelheiten einzubinden haben, um aus ihnen heraus das Ganze zu fassen. Was heißt hier Ganzes? Muß das Hirn, zumindest die Hirnrinde als Einheit verstanden werden? Die alte Annahme, das Ganze des Gehirns sei eine Addition lokaler Einzelheiten, ist aufzugeben. In der Wahrnehmung bilden wir nichts objektiv ab, sondern der Hirnprozeß selber ist objektivierend. Dadurch, daß alle Hirne nach den gleichen Mechanismen funktionieren, gewinnen wir Objektivität, die uns in einen Diskurs des Denkens mit sich selbst eintreten läßt. Wir müssen aber festhalten, daß damit die alte Unterscheidung Subjekt-Objekt auf der neurophysiologischen Ebene hinfällig wird.
Schon die Analyse assoziativer Funktionen in hochparallel arbeitenden Rechnern zeigt, daß diese Systeme als Funktionseinheiten verstanden werden müssen, selbst wenn wir diese Systeme über die Addition von Modulen aufbauen. Wir können Simulationsmodelle finden, die uns die Systemeigenschaften des Hirngewebes verdeutlichen. Wir gewinnen damit Vorstellungen über die Verrechnungseigenschaften des Hirngewebes, die von der grundlegenden Eigenschaft der Hirnrinde ausgehen: einer komplexen, nahezu chaotisch erscheinenden Vernetzung der in ihr präsenten Nervenzellen. In einem Vorgehen, das die Vielfalt der in diesem Gewebe verknüpften Teilreaktionen in den Blick nehmen will, führt ein rein reduktiv-analytischer Ansatz nicht weiter. Wir müssen hier in eine neue Ebene eintreten, die auch der Veranschaulichung Raum gibt. Das Medium für solche Veranschaulichung gibt der Computer. Der Code, in dem unsere Vorstellungen zu fassen sind, findet sich in den von ihm generierten Bildern. Diese Bilder sind farbig, sie sind digital, sind komplex, fraktal und chaotisch, haben also all das an Anschaulichkeit an sich, an dem wir das Leben einer Natur dingfest machen. Ist das, was sich in den Bildschirmen der Computer zeigen kann, damit nicht schon selbst artifizielles Leben? Wird die Ästhetik des Bildes damit zu dem neuen Raum, in den wir den Horizont setzen, um uns und unser Wahrnehmen zu inszenieren und damit wahrhaft zu objektivieren?
Die digitalen Bilder formen sich in einer Maschine, also in einem Substrat, das nach mathematischen, exakt nachzufassenden Regeln konstruiert ist. Gewinnen sie aber allein schon damit eine analytische Dimension, über die das Wahrnehmen aus der Enge des auf sich selbst verwiesenen Denkens hinausgeführt wird? Das Instrument des Computers erlaubt uns, mathematische Operationen zu verbildlichen. In den damit gewonnenen Skizzen können wir uns die Dynamik auch komplexerer Interaktionen - im expliziten Sinne - vorstellen. Dabei gewinnt die Anschauung in und mit diesem Medium eine analytische Funktion. Die Vielfalt von Überlagerungen in den wechselwirkenden Funktionskreisen, wie sie in einer Simulation vorstellbar ist, wird im Modell augenfällig. Ihre Dynamik wird analysierbar. Die Sequenz und die Wechselwirkungen der diese Dynamik aufbauenden Determinanten sind zwar prinzipiell auch in einem reduktiv analytischen Vorgehen, die Dynamik eines derart im Computerprogramm simulierten Systems experimentell anzugehen, Parameter zu variieren, den Effekt der Erregungsverlagerungen zu studieren, verschiedenste Kombinationen auszutesten und so den Computer als Skizzenblock zu benutzen, der aus der Enge des nur diskursiven Abarbeitens von Einzelzuständen hinausführt.
Die für die herkömmliche Analyse auftauchenden Probleme sind quantitativer Art; allein die Dauer einer analytisch reduktiv geführten Berechnung würde es nicht mehr erlauben, die Dynamik der im Modell studierbaren Systeme auch nur vorzustellen. Damit ist die Bewertung von Variationen, der Einblick in die Bedeutung von Parameterkonstellationen, nur in der Anschauung möglich. Das Bild erlaubt mir zu entscheiden, ob und wo ich gegebenenfalls einen Teilaspekt auslöse, um ihn in einer strikten, analytischen Untersuchung zu betrachten. Die Anschauung leitet somit aus den Zwangsführungen des Diskursiven heraus. Das Verhalten auch komplexer interaktiv verzahnter Reaktionen wird analysierbar. Die Simulation gewinnt analytisches Gewicht. Mit dem Skizzenblock Computer kann die Anschauung den Rationalismus aus seiner Enge heraus in ein offenes Feld der Analytik setzen, das der Ratio 'Platz' gibt, auch organisch ineinandergreifende Teilräume systematisch zu studieren. Die Ratio erweitert sich, indem sie auf die Anschauung vertraut. Diese 'intellektuelle' Anschauung, das Vorstellen dessen, was in der Sukzessivität rein begrifflicher Operationen nie als Ganzes in den Blick kommt, eröffnet der Ratio einen neuen Horizont. Der Computer bietet das Instrumentarium, den Weg zu einer derart analytisch figurierenden Anschauung zu finden.
Die im Computer generierten Bilder objektivieren unsere Vorstellungen. Sie setzen uns eine 'Realität' vor Augen, an die nun wieder eine Analysis anzusetzen ist, um die sich in dieser Bildrealität explizierenden Vorstellungen zu bewerten. Damit werden uns auch hochgradig interaktive Systemzustände - etwa in unserem Nervengewebe - greifbar. Wir stehen hier am Beginn eines Weges, der uns das Vokabular an die Hand geben wird, derartige Systemzustände nicht mehr nur in der Reduktion (auf einen, unserer derzeitigen Analysis faßbaren Pararmeterraum, etwa den Reaktionen nur weniger Neuronen), sondern in der ihnen eigenen Organik, in der Darstellung des Gesamterregungsverhaltens ganzer Funktionseinheiten der Hirnrinde, zu begreifen. Das hypothetisch gesetzte Gedankenkonstrukt wird erst in der Veräußerlichung, die es einer Anschauung verfügbar macht, dem denkenden Subjekt wirklich zu eigen. Die rationalistische Verengung der Ratio, die nicht einmal sich selbst trauen zu dürfen meinte, wird in dem Bild, was sie nun von sich selbst zu zeichnen vermag, aus der Schale herausgebrochen, in der sie sich versteckt hatte.
Wir fanden schon auf der physiologischen Ebene, daß Wahrnehmen ein komplexer Prozeß ist, indem das Organ, aus der ihm eigenen Bestimmung heraus, einen Erregungszustand gewichtet. Die Realität des Außen wird nicht erst in einer - wie auch immer zu definierenden - Reflexivität, sondern schon in der ersten Aufnahme der Sinnesdaten verformt; die Realität des Außen wird in die Realität des Hirns gesetzt. Die Struktur des Wahrnehmungsapparats kategorialisiert in ihrer Eigenbestimmtheit dasjenige, das wir dann als das Objektive verstehen lernen. Das dies 'Objektive' fundierende Außen der Welt wird aber nicht völlig aufgehoben, vielmehr wird es in eine neue Objektivität, die Realität des Hirngewebes transformiert. Dies läßt sich fassen; die hier wirksamen Teilmechanismen lassen sich isolieren. Die Gesamtreaktion des in der Analyse dann zum Objekt werdenden Hirns sind zu veranschaulichen. Sie werden in der Simulation verdinglicht. Der Exkurs in diese dritte - mediale - Dimension zahlt sich damit aus. Die Dynamik in der Funktion der neuronalen Struktur wird veranschaulicht. Das Wahrnehmen wird sich Objekt. Die Ästhetik kann sich in dem ihr veranschaulichten Neuronalen selbst objektivieren. Wir können die Augen wieder öffnen und unserer Anschauung trauen.
Verlebendigt sich uns die Welt erst über die Medien? Wird das Bild, heute das der Computer, demnach zu der neuen, höheren Realität, dem sich die Ratio zu überantworten hat? Die Außenversicherung des Rationalen ist uns in der Anschauung direkt augenfällig. Die Skizze einer Denkrealität gewinnt erst in ihrem Bild die Konturen, die sie beurteilbar macht. Durch den Computer ist damit aber nichts prinzipiell Neues gewonnen. Der uns hier verfügbare Skizzenblock ist modern, technisch aufwendiger gestaltet als die alten Verbildlichungsmedien. Aber wie auch in Leonardos Zeiten lebt er von Erkenntnisprogrammen, die sich in ihm verwirklicht finden. Das Leben des Computers ist ebenso erborgt wie das eines Blattes des Codex Windsor.
In einer Bewertung der Bildmedien und der Bildgebungsverfahren ist die moderne Kunst der Wissenschaft voraus. Sie hat ihre Erfahrungen mit dem Umgang und auch mit der Leugnung des Bildes hinter sich. Ihr in der Mitte des Jahrhunderts beginnender Rückzug aus dem Bild, ihr Verzicht auf die Darstellung - die Reduktion des Sinnlichen auf das sich in sich spiegelnde Da (Dada) - war nur als Kontrapunkt zum 'Realismus' plausibel. Indem das nichtbildende Denken inszeniert, ins Bild gesetzt war, produzierte es wieder neue Bilder. Das Postulat der Bildlosigkeit wurde ins Bild erhoben.
Wir stehen mit den Neuen Medien in einer vergleichbaren Situation. Wird der Skizzenblock automatisiert, stelle ich allein seine 'Seiten', sein Material heraus, gewinne aber nichts als Design. Die Ausstellung der Palette wirkt in der Vielfalt von Farben noch dekorativ. Eine Bildrealität wird aus diesen changierenden Materialien nur, wenn wir sie für eine Skizze nutzen, die dann mehr abbildet als die Möglichkeiten der Apparatur. Die virtuellen Realitäten sind nicht aus sich lebendig. Ihr artificial life ist die sich entäußernde Mechanik des Computers.
In einem konstruktiven Ansatz wird das Instrumentarium der Anschauung operationalisiert. Nicht das Resultat, das stehende Bild, sondern der Vorgang der Verbildlichung, in dem sich die Wahrnehmung generiert, versichert diese der Realität, aus der heraus wir unser Wahrnehmen fundieren können. Genau hier können wir denn auch den Kreis zurück zur Neurophysiologie schließen. Nur im Prozeß der Erregungsgewichtung repräsentiert sich das Außen. Nur dann, wenn wir diese Dynamik des neuronalen Programms verstehen, können wir unser Wahrnehmen erfassen. Genau in diesem Punkt hat die Ästhetik neuronal zu werden.
Um uns in der Natur zu finden, haben wir uns hier ins Bild zu setzen.
III. Einstieg
Im Oktober 1993 fand, organisiert von Olaf Breidbach, Bazon Brock und Detlef B. Linke, in Bonn das Symposion 'Neuronale Ästhetik - Hirnbilder und Menschenbilder', statt. Olaf Breidbach faßt die ausgearbeiteten Thesen zusammen.
Mit den Möglichkeiten der neuen Medien scheinen sich die Dimensionen unseres Wahrnehmens zu verschieben. In die Realität eines Hyper- oder Cyberspace gesetzt, scheint die maschinell produzierte Bildrealität ein Eigenleben zu gewinnen, das weit über ein bloßes Abbilden hinaus weist. Schaffen diese Bildrealitäten eines artificial life aber wirklich eine neue Wirklichkeit oder bleiben auch diese Bilder letztlich nur ein Reflex einer Wirklichkeitserfahrung, die sich in den animatorischen Qualitäten der neuen Medien nurmehr verfangen aber nicht verankert hat? Wo wären die Kriterien zu finden, in die das Wahrgenommene zu ordnen wäre?
Es ist nötig, das Instrumentarium zu entwickeln, in dem uns die so entstehenden neuen 'Bilder' der Welt handhabbar werden. Wo finden sich solche Kriterien? Es schien naheliegend, die Gesetze des Wahrnehmens in einer Analysis der Welt im Hirn zu studieren und hier die - in den Registraturen der Physiologie objektivierte - Realität der Wahrnehmung dingfest zu machen. Analysieren wir die Funktionalität des Hirns, so finden wir, daß die Einzelelemente in diesem Gewebe erst in ihren Interaktionen die Qualitäten generieren, in denen die Reaktionen des Hirngewebes zu verstehen sind. Welche analytischen Mittel stehen uns aber bereit, diese Interaktionsschichtungen zu begreifen? Stellen wir sie nur dar, bilden wir sie nur ab, so gelangen wir zu keinem Resultat. Es sitzt auch niemand in unserem Schädelkasten, der sich die durch die Reaktionen der Einzelemente entstehenden Erregungslandschaften einfach nur anschaut. Das Hirn generiert sich in der Wechselwirkung seiner Elemente eine Kategorialität, die es nachzufassen gilt. Die Anschauung des Modells ist hier nur ein Mittel, diese 'Kategorien' zu entdecken, die sich in dem Wechselwirkungsgefüge der neuronalen Elemente generieren.
Zunächst stehen wir damit aber vor einem Dilemma: Wollen wir die Vielfalt der Reaktionen in ihrem Wechselwirkungsgefüge erfassen, bleibt uns allein der Weg, die komplexen Wirkgefüge im Modell zu veranschaulichen. Wir stehen damit wieder vor Bildern, vor den Modellen dieser Einzelwissenschaft, die ihrerseits selbst nach Kriterien sucht, die ihr verfügbaren Abbilder des Wahrnehmens zu kategorialisieren. Die Geisteswissenschaftler und die Künstler, die auszogen, um bei den Neurowissenschaften die Kategorien zu finden, unter die ihre in ihrer Historizität oft strittigen Aussagengefüge zu ordnen seien, diese Suchenden finden nun an ihrem Ziel die Anschauung, von der sie selbst - wenn auch in einer anderen medialen Dimension - ausgegangen waren. Damit ist das Problem benannt. Wir reden nicht mehr nur in Bildern, wir gehen mit den Bildern um, umgeben uns mit einem Bildraum - einer medial vermittelten Realität -, die in ihrer Abbildung, in den Vereinfachungen und Entdimensionierungen des in ihr konstituierten Erfahrungsraumes Erklärungswege eröffnen soll. Findet sich damit Leonardo, der gegenüber der sequentiell operierenden Ratio den Supremat des eine Totalität illustrierenden Bildes zu verfechten suchte, nun - vielleicht endlich - doch gerechtfertigt?
Welches sind nun die Kriterien, die die Neurowissenschaften der Ästhetik zu einer Kategorialisierung von Wahrnehmungsprozessen offerieren kann? Sind - ihr zufolge - Kategorien als Filterfunktionen zu verstehen, die sich den Aktivitätsspektren einzelner komplex oder hyperkomplex verschalteten Einzelneuronen zuordnen lassen? Der Neurobiologe Ad Aertsen von der Universität Bochum zeigte auf, daß wir dann, wenn wir die Analyse der Hirnfunktionen auf die Untersuchung von Antwortcharakteristika einzelner Nervenzellen reduzieren, nur zu einem sehr oberflächlichen Bild neuronaler Informationsverarbeitungen gelangen können. Nicht die Einzelstimme eines Neurons, sondern vielmehr erst die in einem komplexen Raum-Zeitmuster zu fassende Aktivität ganzer Neuronenpopulationen sieht er mit Wahrnehmungsereignissen korreliert. Das Hirn generiert demnach keine Solo-Performances bestimmter, kleinräumig zu fassender Areale. Das Hirn 'formuliert' vielmehr schon in Arealen, die direkt an sensorische Eingangsregionen verkoppelt sind, komplexe Harmonien, die erst in ihrer - zum Teil sehr komplexen - Textur erkennen lassen, wie dies Gewebe bestimmte Erregungseingänge wichtet. Diese Gewichtung hängt - dies konnte schon George Freeman in seiner Untersuchung der Geruchswahrnehmung der Säugetiere zeigen - ganz wesentlich von der Grundaktivierung des Nervengewebes ab, in die eine, gegebenenfalls extern getriggerte, Erregung der Neuronen eingegeben wird. In Modellsimulationen konnte Olaf Breidbach die Bedeutung der Binnenaktivierung eines neuronalen Netzes darstellen. Er zeigte, daß schon in einem einfach strukturierten, künstlichen neuronalen Netz 'Wahrnehmungsprozesse' nicht einfach abgebildet werden. In einem neuronalen Netz überlagert sich eine Eingangserregung immer der momentanen Erregungs-Binnencharakteristik des Systems. Implementiert man in ein solch einfaches System einfache, lokale Lernregeln, so kann schon ein artifizielles System über entsprechende interne Erregungsabgleichungen derartige Wichtungsfunktionen verstärken oder auch neu aufbauen. Schon einfache neuronale Netze können sich also selbst 'organisieren'.
Bildgebende Verfahren können in der Medizin aber auch direkt analytisch, das heißt im Sprachgebrauch des Mediziners diagnostisch, eingebunden werden. Hierbei kann eine neue Methode neue Verständnishorizonte für die Reaktion eines Organs erschließen. Hans Jürgen Biersack von der Klinik für Nuklearmedizin der Universität Bonn stellte eine ganze Reihe dieser Visualisierungsverfahren gegenüber. Die verschiedenen Techniken generieren Bilder, die in der computerisierten Maniküre - über komplexe Algorithmen und den daraus gezogenen Farbkodierungen - zwar Bildwelten entstehen lassen, aber doch nur Aspekte des Abgebildeten zeigen. Die Versuche der Verbildlichung bleiben ein Tasten, das nur dann, wenn dieses Tasten richtig interpretiert, das heißt vor unserem bisherigen Gesamtkenntnisstand - nicht nur von diesen modernen Methoden, sondern im Blick auf all das, was wir derzeit vom Hirn wissen -, zur Orientierung in dieser Realität helfen kann. Für die Medizin ergeben sich mit diesen Bildgebungsverfahren hierbei direkt praktische Probleme. Was macht der Arzt, so fragte Marjus Gatzen, Internist an der Frankfurter Universitätsklinik, wenn mit den neuen Bildgebungsverfahren das 'Grundrauschen' in den Organisationsprozessen des Gewebes in den Blick der ärztlichen Diagnose gerät? Haben wir in Konsequenz die Normalität weiter zu definieren oder weitet sich vielmehr unser Begriff der Krankheit aus?
Treffen wir in der Analytik unseres Methodenrepertoires an Grenzen unserer Sprachfindung oder kann uns die Untersuchung unserer Sprachfindung selbst die Richtlinien an die Hand geben, unser Bild über uns selbst zu erweitern? Steckt schon in dem Bild eine Semantik, die unser Sehen bestimmt, oder steckt - wie Wolfram Köck vom LUMIS Institut in Siegen ausführte - erst in den Strukturen der Bildfindung eine Semantik verborgen, über die die Sprache selbst als Teilbereich einer Verbildlichung zu begreifen und in die Anschauung zu überführen ist? Veranschaulichen könnte sich diese Semantik auch in dem Resultat einer solchen Verbildlichung, im Modell. Kann es das Modell leisten, dies Verbildlichen über sich hinaus zu führen und somit zumindestens die Schemen einer Kontur von Anschauungskategorien zu erarbeiten? Die Grenzen der Logifizierung sind - so Christoph Lischka von der GMD, St. Augustin - auch die Grenzen der modelltheoretischen Implementierung. Abbildbar im Modell bleibt, seiner Auffassung nach, nur das logisch Strukturierte. Steckt damit das Bild der Medien hinter der Analysis zurück?
Die Bildwelten der virtuellen Realitäten, die Gerhard Schmitt von der ETH Zürich präsentierte, schienen zunächst Gegenteiliges zu belegen. Die sensorische Qualität einer Animation, die den Betrachter in ein nahezu real erscheinendes Umfeld einer doch künstlichen Welt versetzt, spielt mit Suggestivität, doch variiert sie im Grunde sehr einfache Muster. Die komplexen Visualisierungsmöglichkeiten, die im Grunde doch recht einfache Operationen darstellen, verdecken die Simplizität der Strategien, über die etwa ein noch nicht gebautes Haus auch in Einzelheiten seiner Innenarchitektur darstellbar wird.
Die Suggestion, schon in der Bildrealität das Darzustellende zu finden, ist ein zentrales Problem im Umgang mit den Neuen Medien. Michael Klein vom Institut für Neue Medien an der Städelschule in Frankfurt blieb - trotz prononcierter Kritik an der Verflachung einer sich an den Bildschirm bindenden Wahrnehmung in der virtuellen Realität - im 'Leben' der artifiziellen Strukturen des Modells gefangen. Eine Reflexion dieser Realität in der Wahrnehmung kann nur durch Entfremdung, durch Zurschaustellung des Wahrnehmens selbst, durch die Verpackung oder Isolation des Belanglosen, durch die Inszenierung des Details transparent gemacht werden. Erst in dem Moment - so M. Heller vom Museum für Gestaltung, Zürich, und auch Fehr vom Osthaus-Museum Hagen -, in dem die Wahrnehmung sich selbst in ihren Verbildlichungstraditionen begreift, kann sich die Bildrealität gegen die Realität setzen und in der so gefundenen Differenz ein kritisches Potential erwachsen. Ist also ein Bildersturm nötig? Oder ist die Negation des Bildes nur ein letzter Versuch des Rational-Diskursiven, sich gegenüber den Bildwelten zu behaupten?
Ist der damit initiierte Glaubenskrieg des analytischen Denkens, den Bazon Brock thematisierte, mehr als ein Revival von Denkorthodoxien? Der kunstgeschichtliche Rekurs auf ikonographische Elemente im Bilderfassen und das Aufbrechen metaphorisch beladener Bildwelten zeigt eine Wiederkehr von Formeln, eine Reexplikation, in der das Neue letzthin doch traditionell erscheint.
Das Bild bleibt Abbild. Die Realität verfügt über die Bilder, die Bildwelten sind Reflex, sie illustrieren Wahrnehmungsprozesse und Wahrnehmungsnormierungen. Können wir demnach nicht aus der Geschichte des 'Bildsehens' - so Karl Clausberg von der Universität Lüneburg - systematische Perspektiven gewinnen, über die kategoriale Strukturen des Wahrnehmens zu identifizieren wären? Auch das medial vermittelte Bild trifft nicht in völlig neue Sphären hinein, sondern in solche, die schon durch unsere Art des Sehens vorstrukturiert erscheinen. Auch das Modell der Welt bleibt im Reflex des Alten. Entsprechend können wir hoffen, auch aus einer Analyse der Geschichte unseres Sehens Strukturen unseres Wahrnehmens zu erfassen.
