Eine Essenz

Dem oppositionellen Begriffspaar von Theoretisiererei und sinnlicher Direktheit werden gleichsinnig die Begriffspaare Kalkül und Spontaneität oder Vermitteltheit und Unmittelbarkeit sowie Verstand und Gefühl zugeordnet. An dieser Konstellation, die gegenwärtig wieder einmal als eine deutsche Spezialität sichtbar wird, sind alle in sie eingehenden Annahmen falsch, ja widersprechen den damit verbundenen Absichten diametral. Zum einen war das zitierte Überhandnehmen der Theorie eben nur eine Theoretisiererei und keine Theoriebildung, so daß von einem Primat der Theorie in den vergangenen Jahren gar keine Rede sein kann. Zudem sind Kreativität und Unmittelbarkeit auch für die Anstrengung des Begriffs, also auch die Theoriebildung höchst schätzenswerte, ja notwendige Tugenden. Umgekehrt ist die unmittelbare, spontane, kreative Sinnlichkeit selber nur theoretische Leerformel, da Sinnlichkeit schlieißlich als höchst komplexe Fähigkeit erst erworben werden muß, eine keineswegs natürliche Eigenschaft darstellt und also das ganze Gegenteil von spontan ist. Im übrigen haben alle Aussagen über sinnliche Wahrnehmung, wenn sie gelungen, also gut begründbar sind, wiederum den Status von theoretischen Aussagen. Ohne Begriffsbildung und Begründung ließe sich wenig über das spontane, gefühlsmäßige, sinnliche Wahrnehmen ausmachen. Die Opposition von theoretisch und praktisch ist genauso gegenstandslos wie die Opposition von theoretisch und sinnlich. Was mit dieser Opposition sinnvollerweise ausgedrückt werden kann, aber nicht ausgedrückt wird, ist die Tatsache, daß es ausgesprochene und unausgesprochene Begründungen gibt. So würde man das Handeln und Verhalten aus praktischer Erfahrung eben nicht als ein theorieloses, also begründungsloses verstehen können, sondern nur annehmen dürfen, daß die in der Erfahrung in Anspruch genommenen Begründungen nicht ständig zum ausdrücklichen Thema erhoben werden, wie das für alles theoretische Arbeiten gilt. Die Unterscheidung kann also nicht in der Entgegensetzung von Theorie und Praxis, von Vermitteltheit und Unvermitteltheit, von Verstandesoperation und sinnlicher Wahrnehmung liegen, sondern nur in der Unterscheidung zwischen explizitem und implizitem Gebrauch von Begründungen.
Quelle

Vom Sinn der Sinnlichkeit – Abschnitt in:

Kindertagesstätten

Ausstellungskatalog · Erschienen: 1976 · Autor: Brock, Bazon · Herausgeber: BURKHARDT, Linde

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